Adolf Eichmann-Prozess in Jerusalem als Videodokumentation: Der Massenmörder im Glaskasten

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Das berühmteste Symbol des Eichmann-Prozesses steht heute im Ghetto Fighters’ House Museum in Israel. Der kugelsichere Glaskasten ist jetzt ein Ausstellungsstück. Sechzig Jahre nachdem der berüchtigte Nazikriegsverbrecher Adolf Eichmann ihn zu Prozessbeginn erstmals betreten hat. Die gläserne Anklagebank für den Organisator des Holocausts in einem der spektakulärsten Prozesse des 20. Jahrhunderts.

Er stand Eichmann als stellvertretender Generalstaatsanwalt gegenüber: Gabriel Bach war damals 34 Jahre alt.

Gabriel Bach, stellvertretender Generalstaatsanwalt:

Als Eichmann dann hereinkam, brachte man ihn in eine Glaszelle, und ich wurde oft gefragt, warum. Eine Glaszelle, um zu verhindern, dass man ihn tötet oder verwundet, dass man ihn treffen kann.

Eichmann war nach Kriegsende untergetaucht. Unter dem Namen Ricardo Klement lebte er in Argentinien, arbeitete bei Daimler-Benz und wohnte mit seiner Familie unbehelligt in einem Vorort von Buenos Aires, in der Garibaldistraße.

Dort spürte ihn der israelische Geheimdienst Mossad 1960 auf, entführte ihn, verhörte ihn in einem Versteck in Buenos Aires und brachte ihn dann mit einem Sonderflug der israelischen Fluggesellschaft El Al heimlich nach Israel. Am 22. Mai 1960 landete Adolf Eichmann in Tel Aviv. Die Nachricht von seiner Verhaftung elektrisierte Israel und die Weltöffentlichkeit.

Eine Spezialeinheit bereitete den Prozess vor, das Polizeibüro 06. Eichmann war der einzige Häftling in einem Gefängnis nahe Haifa. Die Tonbandaufnahmen seiner Verhöre dauern insgesamt über 275 Stunden.

Tonbandausschnitt Verhör Adolf Eichmann:

…dann nach Auschwitz … Auschwitz [überlegt], dann bin ich noch nach Treblinka geschickt worden …

Gabriel Bach war der juristische Berater des Polizeibüros 06 und recherchierte in der Autobiografie des ehemaligen Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß, als er Eichmann zum ersten Mal begegnete.

Gabriel Bach, stellvertretender Generalstaatsanwalt:

10 Minuten bevor ich Eichmann zum ersten Mal sah, las ich dieses Buch. Und da schrieb er, dass sie viele Tage hatten, wo sie 1000 jüdische Kinder pro Tag getötet hatten. Sagte er. Da hat er manchmal Kniezittern bekommen. Aber dann, eines Tages, sprach er mit einem Mann, Adolf Eichmann. Und dieser Eichmann hat ihm erklärt, dass es hauptsächlich die Kinder sind, die man töten muss. Sagt er, denn wo ist die Logik, dass man eine Generation von älteren Menschen umbringt und dann die Kinder am Leben lässt?

Auch der Polizeibeamte Michael Goldmann-Gilead, selbst ein Auschwitz-Überlebender, war Teil des Polizeibüros 06.

Michael Goldmann-Gilead, Ermittler im Polizeibüro 06:

Wenn er hereinkam und ich habe gesagt: ›Setzen Sie sich‹, und wenn er den Mund geöffnet hat, hatte ich den Eindruck, das sind die Tore eines Krematoriums. Als ich ihn das erste Mal gesehen habe, der war so… Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieser Mann der Fünfte nach Hitler über uns Juden war.

Das Strafverfahren 40/61 fand in Jerusalem statt, in einem zum Gerichtssaal umgebauten Theater mit Bühne und Zuschauerrängen. Das Gebäude regieren heute wieder Kunst und Kultur. Ein historischer Ort, der seit 1961 den Wendepunkt in der Aufarbeitung der Shoah markiert. Sechzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es einen Holocaust-Prozess in Israel.

Gideon Hausner, Generalstaatsanwalt:

Wenn ich in diesem Gericht vor Ihnen stehe, Richter Israels, um Adolf Eichmann anzuklagen, stehe ich nicht allein. Bei mir sind sechs Millionen Ankläger. Aber sie können nicht aufstehen und einen anklagenden Finger auf den richten, der auf der Anklagebank sitzt, und schreien: »Ich klage an!« Denn ihre Asche stapelt sich auf den Hügeln von Auschwitz und den Feldern von Treblinka oder wurde in die Flüsse Polens gespült. Ihre Gräber sind über die gesamte Länge und Breite Europas verstreut.

Eichmanns Verteidigungstaktik war schlicht. Er wiederholt immerzu das Märchen vom unbedeutenden Beamten. Der Cheflogistiker der Massenvernichtung versuchte, seine Rolle kleinzureden.

Mosche Landau, Vorsitzender Richter:

»Plädieren Sie auf schuldig oder nicht schuldig?«

Adolf Eichmann, NS-Verbrecher:

»Im Sinne der Anklage nicht schuldig.«

SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann war im »Dritten Reich« als Leiter des »Judenreferats« im Reichssicherheitshauptamt für die Deportation von Millionen Juden in die Konzentrationslager verantwortlich. Der Koordinator für die »Endlösung der Judenfrage« erklärte aber immer wieder, dass er doch nur gezwungen gewesen sei, Befehle auszuführen.

Adolf Eichmann, NS-Verbrecher:

Die Mitwirkung bei der Deportation – da dies damals eine politische Anordnung war, bin ich des Glaubens, dass die Schuld im rechtlichen Sinne hier doch eigentlich nur derjenige empfinden kann, der die Verantwortung für diese politische Entscheidung trägt beziehungsweise getragen hat. Denn wo keine Verantwortung ist, da ist ja schließlich auch keine Schuld.

Gabriel Bach, stellvertretender Staatsanwalt:

Ich habe alle Dokumente untersucht, die mit Eichmann in Verbindung standen. Und da sah ich, dass er jedes Mal, wenn es sich gehandelt hat um die jüdische Persönlichkeit oder irgendeine jüdische Familie oder ein Büro – und er wurde gebeten, Leute nicht zu deportieren –, da war jedes Mal seine Antwort: Aus prinzipiellen Erwägungen muss ich das verhindern. Jeder Jude muss deportiert werden.

Ausdruckslos verfolgt Eichmann die Filme über die NS-Gräueltaten, die die Staatsanwaltschaft als Beweismittel zeigt. Aber die zentrale Rolle vor Gericht spielten nicht die Filme, sondern die Aussagen der über einhundert Zeugen.

Leslie Gordon, Zeuge:

Wir waren zusammen. Mein Vater, 58, meine Mutter, sie war 43. Mein Bruder, der 22 war. Ich war 21, meine Schwester war 19, mein Bruder war 16. Ein anderer Bruder war 14. Meine Schwester war acht und mein kleiner Bruder war fünf. Wir haben versucht, zusammenzubleiben und auf der Straße zu gehen, so wie es uns die »mutige« SS gesagt hatte.

»Wer von all diesen Familienmitgliedern blieb am Leben?«

Nur ich selbst.

Gabriel Bach, stellvertretender Staatsanwalt

Da war ein Mann: Nachum Hoch. Er war einer von tausend Kindern in der Gaskammer, und er war der Einzige, der am Leben geblieben ist. Er beschreibt, wie die anderen Kinder dagestanden haben und haben Lieder gesungen. Und dann hat man 50 rausgenommen, um eine andere Sache zu machen. Aber dann hat man sie zurückgeschickt, und es war am Schluss so, dass von diesen tausend Kindern er der Einzige ist, der am Leben geblieben ist.

Der Prozess wurde weltweit im Fernsehen und im Radio ausgestrahlt. Heute hat der Eichmann-Prozess einen eigenen YouTube-Channel, eine Koproduktion des israelischen Staatsarchivs mit der Gedenkstätte Yad Vashem. Man kann etliche Stunden des Prozesses im Video ansehen.

Der Zeuge Yehiel Dinur hatte Auschwitz überlebt. Er wollte aussagen, brach aber bewusstlos zusammen. Es gab viele erschütternde Momente während der Zeugenaussagen, der Schilderungen der furchtbaren Details des Holocausts, die die Grenzen der Vorstellungskraft sprengten.

Vera Alexander, Zeugin:

»Erinnern Sie sich an den berüchtigten Dr. Mengele?«

Ich habe nur ein Experiment miterlebt.

»Was haben Sie gesehen?«

Da waren zwei Kinder, Zwillinge, Kinder von Roma und Sinti, die er eines Tages aus dem Block, in dem ich war, mitnahm, das war das Roma-und-Sinti-Lager. Einige Tage später brachte er sie zurück, zusammengenäht, die Adern in den Händen waren zusammengenäht – und ihre Rücken.

Vorsitzender Richter: »Das habe ich nicht verstanden.«

Generalstaatsanwalt: »Er hat sie zusammengenäht.«

Vorsitzender Richter: »Die Adern zusammengenäht?«

Ja.

»Hat er sie in siamesische Zwillinge verwandelt?«

Er hat die Hände der Kinder zusammengenäht.

Gabriel Bach, stellvertretender Staatsanwalt:

Da war die tragische Geschichte von Martin Földi. Da beschrieb er, wie er nach Auschwitz kam. Mit seiner Frau, seinem Töchterchen und seinem Sohn. – Und da hatte man gesagt, die Frau soll nach links, seine Tochter nach links, und da hat man ihm gesagt – nach rechts. – Der Sohn war auch schon ein bisschen gegangen, und da hat der Vorsitzende von der SS gesagt: »Lauf zu deiner Mutti«. Und da hat der Zeuge gesagt, er weiß nicht, was mit seinem Sohn passiert ist, ob der Sohn seine Frau gefunden hat oder nicht. Sagt er, da sah ich ihn nicht mehr und ich sah auch meine Frau nicht mehr. Aber mein kleines Töchterchen, die war zweieinhalb Jahre alt und die hatte einen roten Mantel. Ich sah sie von Weitem weggehen, und ich sah diesen roten Mantel, diesen roten Punkt, der immer kleiner wurde, bis er verschwand. Und so verschwand meine ganze Familie aus meinem Leben. – Und ich hörte das zum ersten Mal. Und ich hatte meiner Tochter gerade einen roten Mantel gekauft, und sie war zweieinhalb Jahre alt, und da verschlug es mir vollständig die Stimme. Ich konnte plötzlich keinen Ton herausbekommen, und es vergingen einige Minuten, bis ich weitermachen konnte.

Viele Aussagen erschütterten auch die Zuschauer, oft selbst Opfer des Holocausts. Manche konnten die verharmlosenden Lügen Eichmanns einfach nicht mehr ertragen.

Zuschauer des Eichmann-Prozesses ruft:

Hund, Bluthund

Der Prozess führte zu einem Bewusstseinswandel in Israel und der jüdischen Welt, veränderte den Umgang mit den Überlebenden des Holocausts, gab ihnen eine Stimme. Das war vorher nicht so.

Martin Auerbach, Psychotherapeut und klinischer Leiter von AMCHA/Israel:

Ich weiß das aus den Geschichten, die ich höre, und Erzählungen von den Überlebenden. Die haben gesagt, auch meine Familienmitglieder haben mich dann begonnen zu fragen: Du hast ja überlebt. Wie war das? Was versteckt, was im Ghetto, was im Konzentrationslager und so. Das heißt, viele hatten ja ihre eigene Vergangenheit nicht richtig verschwiegen, aber sie haben sie nicht von spontan erzählt. Und da haben sie plötzlich die Möglichkeit gehabt, es zu erzählen.

Am 15. Dezember 1961 endete der Eichmann-Prozess mit dem Todesurteil. Ein Gnadengesuch wurde später abgelehnt.

Gabriel Bach, stellvertretender Staatsanwalt:

Ich war der Meinung, dass die Todesstrafe eine Strafe ist, die nicht oft verhängt werden soll, aber dass man bei Völkermord oder Vergehen gegen die Humanität, dass da die Todesstrafe angebracht ist. Und dass da die Todesstrafe angebracht ist.

In der Nacht zum 1. Juni 1962, wurde Eichmann im Gefängnis von Ramla gehenkt. Michael Goldmann-Gilead war einer der wenigen Zeugen der ersten und bis dato letzten Hinrichtung in der Geschichte Israels.

Michael Goldmann-Gilead, Zeuge der Hinrichtung Eichmanns:

Ich habe kein Gefühl gehabt in diesem Moment. Kein Rachegefühl. Gar nichts. Gar nichts. Ich habe mich selbst gewundert, warum ich da stehe – ohne Gefühl. Das war nur ein Urteil über einen. Man konnte ihn nicht sechs Millionen Mal hängen. Es war nur, dass Gerechtigkeit gesiegt hat in diesem Moment, nicht mehr.



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