News: Angela Merkel, Corona-Krise, katholische Kirche, Uta Ranke-Heinemann, Saarland

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Deutschland, wo sind wir denn?

Dass die Kanzlerin das Wort cool benutzt, das ist mir bisher noch nicht aufgefallen; aber ich mag mich täuschen. Es ist ja auch nicht mehr so sehr cool, das Wort cool zu benutzen, aber es gibt nun mal keine deutsche Entsprechung, und ein anderer Begriff fällt mir gerade nicht ein, um zu beschreiben, wie die Kanzlerin da gestern Morgen in den Bundestag schritt, in bester Laune, wie sie dann ihre Regierungserklärung hielt, selbstbewusst, so als wäre in den Tagen davor nichts gewesen: kein verkorkstes Bund-Länder-Treffen Anfang der Woche, keine Bitte um Verzeihung für die dort getroffenen Beschlüsse.

Sie sparte nicht mit Kritik daran, was in Deutschland schieflaufe, nahm die EU, die Länder, die Regionen in die Pflicht, der Bund könne nicht alles machen. Angriffslustig kam sie auf Schwächen in der Digitalisierung zu sprechen – als habe da jemand anderes fast 16 Jahre lang das Land regiert. Sie holte auch zu einer Mentalitätskritik aus. Man könne nichts erreichen, wenn man immer nur das Negative sehe, wenn das Glas »immer nur halb leer ist, dann werden wir als Land keine kreative Kraft entwickeln, um aus dieser Krise herauszukommen.«

Später pflichtete ihr Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus bei, er schimpfte über »Häme und Schärfe«, über »eine Unkultur in diesem Land«, Fehler würden als Skandal oder Versagen mit Vorsatz dargestellt. »Wo sind wir denn?« Wenn es so weitergehe, übernehme irgendwann niemand mehr Verantwortung für Fehler. »Das Gift der Wut sickert ein

Doch die Kritiker zu kritisieren, macht nichts besser. Ist schon vergessen, was für einen Rückhalt es vor einem Jahr für die Regierung gegeben hat, als die Pandemie begann und die ersten harten Maßnahmen durchgebracht wurden? Rückhalt gab es im Bundestag selbst, in großen Teilen der Bevölkerung, auch in den Medien. Im Sommer war das nicht viel anders, es war die Zeit, in der Deutschland recht gut durch die Pandemie kam. Harte Kritik kam erst, als es auch wirklich viel zu kritisieren gab.

Natürlich leben wir auch in einer Zeit unerträglicher Shitstorms und einer schwer nachvollziehbaren Wut auf der Straße, aber diesen Aspekten im ganzen Bild zu viel Bedeutung beizumessen, das entspricht dem Prinzip, das Glas notorisch als halb leer anzusehen.

Die erschöpfte Politik

Die muntere Ausstrahlung der Kanzlerin fiel gestern auch deswegen auf, weil viele der Gesichter im Bundestag, die von den Kameras eingefangen wurden, bemitleidenswert müde wirkten. Sie waren halb mit Masken verdeckt, aber so wurden die Augen betont: Hier starrten sie in Leere, dort fielen sie beinahe zu.

Müdigkeit ist zwar bisher keine Kategorie im Hochleistungsbetrieb der Spitzenpolitik, man hat sie einfach nicht, aber es wird Zeit, in Erwägung zu ziehen, dass die politischen Patzer der vergangenen Wochen auch hier ihre Ursache haben könnten: Den Politikerinnen und Politikern fehlen einfach Monate Schlaf. Insofern wäre der Faktor Müdigkeit hochpolitisch. Ginge es nach Sigmund Freud, dem Erfinder der Psychoanalyse, die besagt, dass das Unterbewusste sich äußert, wo es will, dann hätten sich beim Bund-Länder-Treffen Anfang der Woche der Wunsch nach Pandemiebekämpfung mit der Sehnsucht nach etwas mehr Schlaf verbündet: Und so entstand dann die Idee der »Ruhetage«. Nomen est omen.

Klapperstörche, Eunuchen und mutige Frauen

Da wir schon bei den Zeichen sind: Uta Ranke-Heinemann, die erste Frau der Welt, die sich in katholischer Theologie habilitierte, starb gestern, also genau an dem Tag, an dem zwei Gründerinnen von Maria 2.0 verkündeten, aus der Kirche auszutreten.

Die beiden Nachrichten passen zusammen. Ranke-Heinmann hat sich nie gescheut, an der katholischen Kirche auszusetzen, was auszusetzen ist. Sie bezeichnete die Jungfrauengeburt als »gynäkologische Klapperstorchtheologie« und kritisierte in ihrem Bestseller »Eunuchen für das Himmelreich« immer wieder die Sexualfeindlichkeit der Kirche. Die Kirchenreformbewegung Maria 2.0 wiederum, die 2019 in Münster gegründet wurde, kämpft für mehr Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche. Die Initiatorinnen geben an, die katholische Kirche aus Ärger über die sexuelle Gewalt durch Priester verlassen zu wollen.

Uta Ranke-Heinmann ist gehört worden, sie war über Jahrzehnte ein gern gesehener Gast in Talkshows und einmal hat sie sich sogar für das Bundespräsidentenamt beworben. Doch es wurde eben zu wenig auf sie gehört.

Der Ratzfatz-Gipfel

Noch einmal zurück in die Bundestagssitzung gestern. FDP-Politiker Christian Lindner hat sich in seiner Replik auf die Regierungserklärung der Kanzlerin einen Scherz erlaubt.

Er spielte auf die Bund-Länder-Runde von Anfang der Woche an und sagte, Merkel habe wohl ihr Rezept, EU-Gipfel so lange in die Nächte hinauszuzögern, bis sie dort jeden Widerstand brechen könne, auf jene Bund-Länder-Runde übertragen. Sollte es ein solches Merkel-Rezept geben, so hat sie dies nicht auf den Video-Gipfel der EU, der auch gestern stattfand, übertragen. In der Nacht rief ich meinen Kollegen Markus Becker, Korrespondent in Brüssel an, um seine Eindrücke zu hören, er sagte, er haben einen so kurzen Gipfel selten erlebt: »Ohne Kurz wäre es noch kürzer gewesen«. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz hatte den Wunsch nach einer Änderung der Impfstoff-Verteilung in Europa vorgebracht.

Verlierer…

…könnte in absehbarer Zeit das Saarland sein. Zu hoffen wäre, dass es anders kommt, aber mitten in der dritten Welle lockern zu wollen, wie es der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans jetzt für die Zeit nach Ostern vorhat, das kann eigentlich nicht gut gehen.

Schon heute könnte das RKI das angrenzende Frankreich zum sogenannten Hochinzidenzgebiet erklären. Pendler nach Deutschland müssten dann einen negativen Corona-Test vorlegen, der nicht älter als 48 Stunden sein darf. Für den Grenzverkehr zwischen dem Saarland und dem Département Moselle gilt diese Regelung ohnehin schon. Für eine hochansteckende Virusvariante sind 48 Stunden eine Menge Zeit.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihre Susanne Beyer



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