Blockierter Suez-Kanal: »So etwas hat es lange nicht mehr gegeben«

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Die Havarie lässt sich sogar aus dem All beobachten: Hochauflösende Satellitenaufnahmen zeigen den verkeilten Containerriesen »Ever Given« im Suezkanal. Aus der Nähe sieht es nicht gerade besser aus: das 400 Meter lange und 224.000 Tonnen schwere Schiff ist am Ufer auf Grund gelaufen und konnte bisher nicht wieder flottgemacht werden.

Claus Hecking, DER SPIEGEL
»Sowas hat es lange nicht mehr gegeben in der internationalen Schifffahrt. Der Suezkanal ist eine der wichtigen Routen, insbesondere für den Warenverkehr aus Asien nach Europa und in die andere Richtung. Das heißt, es trifft letztlich auch Europa. Am Anfang hat man gedacht: ›Ja, okay, das ist ein Zwischenfall, das wird sich dann schon bald auflösen.‹ Aber mittlerweile sind wir an Tag vier. Wir haben auch schon sechs Fluten gehabt, also sechsmal wurde schon versucht, bei Hochwasser dieses Schiff frei zu kriegen und es hat in keinem dieser Fälle geklappt. Das heißt, hier ist eine Arterie der internationalen Güterversorgung betroffen, die ist erst einmal gekappt und dahinter und davor staut sich der Verkehr.«

Und zwar ordentlich. Mehr als 150 Schiffe warten bereits vor dem Kanal – in beide Richtungen. In erster Linie sind Containerschiffe betroffen, die vor allem langlebige Konsumgüter an Bord haben dürften.

Claus Hecking, DER SPIEGEL
»Möbel können das sein, das können Fitnessgeräte sein. Da ist mit Sicherheit eine ganze Menge Elektronik dabei. Und das kommt erstmal nicht an. Die zweite Kategorie von Schiffen, die sich stauen, sind Tanker. Auch da ist es Öl, was natürlich da drinnen ist, was natürlich auch zum Beispiel nach Europa gehen sollte. Die gute Nachricht ist vielleicht: Ich glaube nicht, dass maßgeblich beispielsweise die Impfstoffversorgung beeinträchtigt wird und wahrscheinlich auch nicht die mit Corona-Schnelltests oder sowas, weil das sind sehr leichte Güter mit einem sehr hohen Wert. Die werden typischerweise nicht über Schiffe versandt, sondern wenn dann übers Flugzeug eher.«

Problematisch könnte der Stau für Firmen sein, die viele Bauteile aus Kostengründen nicht auf Lager haben, sondern »just in time« produzieren. Etwa die Automobilindustrie.

Claus Hecking, DER SPIEGEL
»Jetzt gibt es die ersten Reeder, die jetzt überlegen, ums Kap der Guten Hoffnung stattdessen zu fahren. Wir fahren praktisch einmal um ganz Afrika herum und dann wieder in den Norden. Und dieser Umweg dauert selbst mit wirklich schnellen Schiffen fünf Tage bestimmt. Es gibt auch Schiffe, die brauchen dafür zehn Tage. Und entsprechend geraten natürlich die ganzen Fahrpläne durcheinander. Diese Schiffe, die kommen jetzt nicht nur einmal zu spät an in Hamburg oder in Rotterdam oder in Antwerpen, sondern natürlich sollten diese Schiffe dann auch schon längst wieder auf dem Rückweg sein nach China oder nach Korea. Und normalerweise sollten diese Schiffe dann auch Leer-Container transportieren. Und an diesen Leer-Containern wiederum herrscht Mangel in Asien. Das heißt, je länger diese ganze Geschichte dauert, da am Suezkanal, desto größer werden die Verwerfungen für den gesamten Welthandel.«

Wie lange es dauert, bis das Schiff wieder freigelegt ist, weiß niemand. Im schlimmsten Fall müssten Spezialhubschrauber die Hunderten Container nach und nach abtragen, um das Gewicht zu reduzieren. Es wäre eine langwierige und teure Prozedur. Aber selbst wenn es jetzt schnell gelingt, etwa genügend Sand abzubaggern, wäre das Problem nicht sofort gelöst. Bis sich der Stau auflöst, würden erneute mehrere Tage vergehen. Kaum zu fassen ist übrigens der geschätzte Warenwert, der hier auf unbestimmte Zeit feststeckt.

Claus Hecking, DER SPIEGEL
»Bei dem Warenwert, der da täglich durch den Suez-Kanal geht, weiß natürlich niemand, was sich in den einzelnen Containern der einzelnen Schiffe befindet. Aber im Durchschnitt, das hat Lloyd’s List, das sind Branchenexperten, die haben geschätzt, geht im Durchschnitt jeden Tag Ware im Wert von etwa 9,6 Milliarden US-Dollar durch den Suezkanal, beide Richtungen. Hin und zurück. Das ist etwa 8 Milliarden Euro. So, jetzt haben wir Tag Vier des Stillstandes und das wäre dann jetzt schon überschlägig gerechnet Ware im Wert von mehr als 30 Milliarden Euro, die erst einmal still steht. Das heißt, die ist nicht weg, das ist kein Verlust, aber kommt dann möglicherweise mit Verspätung an.«



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