Nordische Ski-WM in Oberstdorf: Eine Heim-WM fast ohne Heimvorteil

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Bei jeder Weltmeisterschaft gibt es traurige Gestalten. Maskottchen gehören in der Regel nicht dazu. Wenn Eichhörnchen Nordi bei der Nordischen Ski-WM in Oberstdorf zur obligatorischen Hitparade zwischen den Sprüngen tanzen muss, obwohl es im fast leeren Skisprungstadion keinen Grund zur Animation gibt, wird schon eine gewisse Traurigkeit vermittelt.

Bis zu Karl Geigers Silbersprung am Abend beschrieb das auch ganz gut die Gefühlswelt des Deutschen Ski-Verbands (DSV). Vor zwei Jahren, bei der durch die Operation Aderlass überschatteten Weltmeisterschaft in Seefeld, hatten die deutschen Athleten sechs Gold- und drei Silbermedaillen gewonnen und im Medaillenspiegel den zweiten Platz hinter Norwegen erobert. Eine Wiederholung dieser Bilanz hat im DSV niemand gefordert – bei einer Heim-WM sollen aber schon ein paar Medaillen herausspringen.

Nun werden die Titelkämpfe in Oberstdorf noch über eine Woche andauern, es gibt somit noch viele Chancen auf Gold, Silber und Bronze. Und doch will sich kein richtiges WM-Gefühl einstellen. Das geht so weit, dass DSV-Teammanager Horst Hüttel schon nach wenigen Tagen am liebsten gar nicht mehr über den Vergleich mit vergangenen, stimmungsvollen Weltmeisterschaften und den gewaltigen Kontrast zur Gegenwart sprechen möchte. Das Thema sei “überstrapaziert” und die durch die Corona-Pandemie alternativlose Ruhe an den Wettkampfstätten auch eine Chance. Eine Chance für den Sport, der sich auf sich selbst, auf die Hauptsache, konzentrieren könne.

Wenn nicht Tausende, sondern nur sechs »Zieh« rufen

Diese Sichtweise ehrt Hüttel. Sie ist verständlich. Wer als Sportler über die Umstände klagt, verliert womöglich den Fokus und damit die Wettbewerbsfähigkeit. Oberstdorf vermittelt in diesen Tagen aber trotzdem eine gewisse Trostlosigkeit. Die Stadt hat sich herausgeputzt – mit Werbebannern, mit Hunderten hilfsbereiten Volunteers, mit perfekt präparierten Loipen und Sprungschanzen. Es sind aber eben auch alle Geschäfte geschlossen, im Stadtkern herrscht wie an den Wettkampfstätten Maskenpflicht und in der Bevölkerung gibt es viele kritische Stimmen, warum in der derzeitigen Lage Teilnehmer aus 62 Nationen in das Allgäu kommen müssen.

Als die Nordischen Kombiniererinnen am Vormittag zu ihrer WM-Premiere antraten, hörte man bei den Sprüngen von Svenja Würth oder von Jenny Nowak aus sechs Kehlen das langgezogene »Zieh«, das in normalen Zeiten von bis zu 27.000 Zuschauer gebrüllt wird. Es waren die deutschen Skispringerinnen um Olympiasiegerin Carina Vogt, die ihre Teamkolleginnen unterstützen wollten.

Eine Medaille sprang bei der WM-Premiere nicht heraus. Wie schon am Tag zuvor bei den männlichen Kombinierern, in zwei Wettbewerben der Skispringerinnen – und auch im Langlauf. Im Skiathlon der Frauen und der Männer war das auch nicht unbedingt erwartet worden.

Bei optimalem Verlauf hätte Katharina Hennig – mit lautstarken Heimfans im Rücken – aber vielleicht doch um Bronze laufen können. Stattdessen griffen die deutschen Service-Leute in den falschen Wachstopf und so landete Hennig auf dem 29. Platz. »Ich bin sehr traurig«, sagte Hennig unter Tränen im Ziel. »Es ist bitter, wenn es an einem Tag, der vielleicht der wichtigste im Jahr ist, so schiefläuft.« Ein Verwachsen der Ski passiert beim Langlauf immer wieder, aber es passte zum durchwachsenen WM-Start des DSV.

Geiger profitiert vom drehenden Wind

Und so war es mit Karl Geiger einem der Oberstdorfer vorbehalten, für das erste richtig positive Ergebnis aus deutscher Sicht zu sorgen. Geiger ist unweit der Schattenbergschanze aufgewachsen. »Es ist witzig, wie viele Leute man an der Schanze trifft, die man kennt«, sagte Geiger nach dem Gewinn der Silbermedaille von der Normalschanze.

Der 27-Jährige benötige auch ein wenig Glück, um der erste deutsche Medaillengewinner dieser WM zu werden. Im ersten Durchgang profitierte Geiger von seiner frühen Startnummer. Als die Topleute um den Weltcupführenden Halvor Granerud (Norwegen) und Teamkollege Markus Eisenbichler dran waren, drehte sich der Wind und es waren keine weiten Sprünge mehr möglich. So ging Geiger als Vierter in den zweiten Durchgang und sprang noch zu Silber.

Bei den Kombinierern um Namensvetter Vinzenz Geiger oder Eric Frenzel hatte Geiger zuvor »unglückliche Umstände« ausgemacht: »Es ist blöd, wenn so etwas bei einer Heim-WM passiert.« Glück, Pech, falsches Wachs – das sind die Umstände, mit denen sich das deutsche Team in Oberstdorf konfrontiert sieht. Ein Heimvorteil gehört bisher noch nicht dazu. Aber Geiger bleibt optimistisch: »Ich glaube, da kommt noch was.«

Icon: Der Spiegel



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