Bund-Länder-Runde: Verlängerung des Lockdowns wahrscheinlich, Österreich: Tirol wird ausgesperrt, Forschung: Warum wir in Corona-Zeiten so intensiv träumen

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Die Bund-Länder-Runde dreht noch ‘ne Runde

Je häufiger man etwas tut, desto besser, sicherer, effektiver wird man. Diese Regel gilt meistens. Aber eben nicht immer. Heute wird sich Kanzlerin Angela Merkel wieder mit den Ministerpräsidenten der Länder über Videobildschirme zusammenschalten. Um 11 Uhr beginnt die Vorbereitungsrunde der Landesregierungschefs, um 14 Uhr dann die Bund-Länder-Runde. Es geht zum x-ten Mal um das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie. Besprochen wird, ob der seit 16. Dezember geltende Lockdown mit vielen geschlossenen Geschäften und Schulen sowie Kitas im Notbetrieb über den 14. Februar hinaus verlängert wird. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es so kommt. Außerdem wird ein «nationaler Impfplan» verhandelt, der die Impfstofflieferungen berechenbarer machen soll.

Doch obwohl es inzwischen eine gewisse Routine im politischen Umgang mit der Pandemie gibt, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Runde wie im Schauspielseminar die Texte der jeweils anderen mitsprechen können, werden die Treffen immer komplizierter: Da sind die Mutationen, die kaum einzuschätzen sind, da ist die Angst vor einer dritten Welle. Da ist eine zunehmende Schärfe im Ton zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Parteien, die der Logik eines Superwahljahres folgt. Da ist die nachvollziehbare Erschöpfung aller Beteiligten. Auf der Pressekonferenz nach den Beratungen wird man die abgekämpften Gesichter des Trios Merkel-Müller-Söder sehen und wissen, dass es schlimm war. Noch schlimmer als beim letzten Mal.

Mehr Kreativität!

Doch der Lockdown kann nicht mehr das alleinige Rezept gegen die Pandemie sein. Es braucht regionale Differenzierungen, es braucht mehr Tests, Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Homeschooling – und ja, mehr Impfungen. Natürlich ist das leichter gesagt als getan, aber die Bürgerinnen und Bürger waren lange Zeit geduldig. Jetzt brauchen sie Perspektiven: für ihre Betriebe und Läden, für ihre Kinder und ihre alten Eltern und auch für sich selbst. Das muss nicht bedeuten, dass ab einem Tag X klar ist, was nun gilt. Perspektive bedeutet: einen neuen Blick auf die Politik. Eine Politik, die sich nicht in Wiederholungsschleifen ergeht, sondern erkennbar kreativ vorgeht – genauso kreativ wie die meisten Bürgerinnen und Bürger ihren Alltag zurzeit bewältigen müssen.

Tirol – die Ausgesperrten

Woanders ist es nicht besser oder sogar noch schlimmer, aber wenn das ein Trost wäre, wäre es ein schäbiger – also kein echter. Erst Mitte Januar hatten die Geschäfte und Schulen in Athen wieder öffnen dürfen, danach verdreifachte sich die Zahl der Neuinfektionen, nun begibt sich die Stadt wieder in den harten Lockdown. In Frankreich wird der Gesundheitsnotstand bis Juni verlängert. Ab 18 Uhr gilt eine Ausgangssperre. Kindergärten, Schulen und der Einzelhandel haben jedoch weitgehend geöffnet.

Aus Tirol wiederum dürfen ab Freitag Erwachsene nur noch mit einem negativen Test “ausreisen”, so heißt es. Es ist eine sinnvolle Maßnahme, da sich in Tirol die südafrikanischen Variante des Corona-Virus in einem Maße ausbreitet, wie sonst nirgendwo in der EU. Aber das Vokabular, das hier so selbstverständlich benutzt wird, hat es schon in sich. “Ausreisen” – da wird ein Bundesland vom Rest der Republik abgetrennt. Nun geht es in Österreich ähnlich tribalistisch zu wie in Deutschland. Der Tiroler oder die Tirolerin gilt als völlig andere Art Mensch als der Kärntner oder die Kärntnerin. Die Unterschiede werden mit Lust kultiviert, auch weil sich aus ihnen jede Menge Humor ziehen lässt. Aber der Widerstand aus Innsbruck gegen die Beschlüsse in Wien zeigen, dass Tirol in diesem Fall nicht so gern so völlig anders als der Rest der Republik sein will.

Mini-Serie »Wieder neu«

Seit bald einem Jahr hat uns die Pandemie im Griff, deswegen möchte ich in den Morning Briefings dieser Woche statt mit der Rubrik »Gewinner/Verlierer des Tages« mit einer Miniserie schließen: »Wieder neu«. Ich möchte fragen, was wir in diesem langen Ausnahmezustand wieder schätzen gelernt haben – und zwar nicht im Großen, sondern im Alltäglichen. Diese Frage soll, das möchte ich immer an dieser Stelle anmerken, angesichts all des Kummers und Leids nicht zynisch wirken, aber wenn wir gar nichts lernten, wäre ja alles vergebens.

In der dritten Folge heute soll es um die Träume gehen. Die US-Psychologin Deirdre Barrett, die an der Harvard Medical School unterrichtet und auf Traumforschung spezialisiert ist, berichtet in ihrem Buch “Pandemic Dreams”, dass das Träumen in aller Welt durch die Corona Pandemie intensiver geworden sei. Über das Träumen heißt es – laienhaft –, man verarbeite, was einem tagsüber widerfahren sei. Ich aber müsste, wenn denn die Zeit dafür wäre, tagelang verarbeiten, was ich nachts so alles zusammenträume. Netflix brauche ich nicht mehr, seit Corona rangieren Hollywood-Produktionen weit unter meinem Traumniveau. Wir könnten uns tendenziell genauer an unsere Träume erinnern, so heißt es in der Forschung, weil unser Leben langsamer geworden sei, wir weniger Reizen ausgesetzt seien und mehr Zeit zum Nachdenken hätten. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wäre begeistert. Für ihn war das Träumen gleichbedeutend mit dem Lernen – über sich selbst. Traumdeutung, so Freud, sei der Königsweg, “die Via regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben”.

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