Übertherapie: Corona macht sichtbar, wo Ärzte zu viel behandeln

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Aber auch das Gegenteil ist richtig. »Es wäre töricht, ganz pauschal zu behaupten, dass jeder ausgelassene Arztbesuch oder jeder abgesagte Wahleingriff per se einen messbaren Schaden setzt«, sagt Sebastian Schellong, Chefarzt der II. Medizinischen Klinik des Städtischen Klinikums Dresden-Friedrichstadt. Wahr ist: Viele diagnostische Verfahren und Heilversuche haben keinen Nutzen. Ungefähr ein Fünftel aller Ausgaben wird schätzungsweise für Übertherapie und Überdiagnose verschwendet.

Die Pandemie macht diese unnötige Medizin jetzt sichtbar. Menschen mit Rückenschmerzen, die nicht an den Bandscheiben operiert werden konnten, wurden dank Wärmflasche und Gymnastik auch so wieder gesund. Zappelige Schüler, die keinen Termin beim Kinderpsychiater wahrnahmen, bekamen ihr Temperament ohne ADHS-Medikamente in den Griff. Erwach­sene, die den Check-up ausfallen ließen, blieben von Zufallsbefunden und sinnlosen Folgeuntersuchungen verschont.

Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Innere Medi­zin fordert Chefarzt Schellong deshalb jetzt, das Ausmaß der Übertherapie zu erforschen: »Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Leistungsbereiche identifiziert werden, deren Verknappung keine negativen Folgen haben.« Die Lehre: Ärzte sollten auf überflüssige Prozeduren verzichten, Patienten nicht mehr danach fragen.

Bleiben Sie gesund!

Ihr Jörg Blech

(Feedback & Anregungen?) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • »Der Wettlauf ist längst verloren. Es wird kommen wie in England«: Melanie Brinkmann beklagt im Interview das zögerliche Handeln der Politik gegen das mutierte Coronavirus. Die Virologin fordert eine konsequente Eindämmungsstrategie, um einen Dauer-Shutdown zu vermeiden.

  • Infiziert trotz Impfung – wie geht das? In Bayreuth fielen Corona-Tests bei Klinikpersonal positiv aus. Dabei waren die Betroffenen kurz zuvor geimpft worden. Daten aus Israel erklären das Phänomen, schreibt meine Kollegin Julia Köppe.

  • Wie bekommt man eigentlich bei einer mikroinvasiven Operation ein Pflaster auf die Wunde? Vielleicht mit einem neuartigen Origami-Pflaster, entwickelt am MIT.

  • Wer hat mein Onlinemeeting mit einer “Zoombombing”-Attacke gestört? Spoiler Alert: Meist sind es Insider, die einen offiziellen Zugangscode besitzen, aber das Treffen sabotieren wollen, das haben Sicherheitsforscher in einer Studie festgestellt.

Quiz*

1. Das Genom des Lungenfisches ist

a) so groß wie das des Menschen

b) vierzehn mal kleiner als das des Menschen

c) vierzehn mal größer als das des Menschen

2. 2020 wurde Kalifornien von Waldbrängen heimgesucht, insgesamt waren es über

a) 10 000

b) 100 000

c) 100

3. Die Han Son Doong-Höhle in Vietnam gilt als die größte der Welt. In ihr befindet sich der rekordverdächtig große Stalagmit, der

a) Hand of God heißt und über 30 Meter hoch ist

b) Hand of Dog heißt und über 70 Meter hoch ist

c) Oh My God heißt und über 100 Meter hoch ist

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Wie ein Raumschiff scheint dieses Boot auf einem See in der Hang Son Doong zu schweben, der vielleicht größten Höhle der Welt, mit Decken teils höher als der Kölner Dom. Die Grotte, rund 400 Kilometer südlich der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi gelegen, wird erst seit wenigen Jahren erkundet. Sie entstand wohl dadurch, dass einst ein Fluss in Kalksteinklüften versickerte und schließlich sein Bett in die Unterwelt verlegte.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten
1c) Das Genom des Lungenfischs ist das größte Tiergenom, das jemals entschlüsselt wurde, mit 43 Milliarden Basenpaaren. Damit übertrifft es das Genom des Axolotl, des bisherigen Rekordhalters.
2a) Rund 10 000 Wildfeuer verbrannten etwa vier Prozent der Gesamtfläche von Kalifornien.

3b) Hand of Dog heißt der riesige Stalagmit in der Han Son Doong-Höhle, er ist über 70 Meter hoch.



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