Aung San Suu Kyi in Myanmar: Die Rätselhafte

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Der Putsch wird im Staatsfernsehen verkündet: Die Generäle übernehmen die Macht. Am 1. Februar wird Myanmars junge Demokratie jäh zurückgeworfen.

Und damit erreicht auch ihre hoffnungsvolle Geschichte einen traurigen Tiefpunkt: Die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird festgenommen.

Andreas Lorenz, ehemaliger SPIEGEL-Korrespondent
»Was für eine Tragik. 15 Jahre Hausarrest. Dann der mühsame Weg zum Erfolg. Und plötzlich schlagen die Militärs ihr in die Knie.«

Die Bevölkerung protestiert und trauert.

»Mit dem Topfschlagen vertreiben wir das Böse – bis die Macht wider an unsere Regierung zurückgegeben wird.«

Ihr Leben lang hat Aung San Suu Kyi mit dem Militär gerungen – nun scheint sie den Kampf vorerst verloren zu haben. Wer ist die Frau und was hat sie als Politikerin angetrieben?

1. Die Lichtgestalt

So hat man Aung San Suu Kyi im Westen verehrt und geliebt: aufrecht und stolz, mit Blumen im Haar – auch nach insgesamt 15 Jahren Hausarrest nicht gebrochen. Sie hat die Augen der Weltöffentlichkeit auf die brutale Herrschaft der Generäle in Myanmar gelenkt, bekam den Friedensnobelpreis und kämpfte so lange, bis das Militär 2011, nach 50 Jahren Diktatur, das Land öffnete und freie Wahlen zuließ.

Der ehemalige Asien-Korrespondent Andreas Lorenz hat Aung San Suu Kyi mehrere Male getroffen und gesprochen – er war fasziniert von ihrer Willensstärke.

Andreas Lorenz, ehemaliger SPIEGEL-Korrespondent
»Was sie vielleicht zu einer Lichtgestalt machte war, war ihre Intelligenz, ihre Schlagfertigkeit. Sie war und ist sehr charmant, sehr klug und gleichzeitig ungemein hartnäckig. Gegner würden sagen stur. Und sie hatte eine große Eigenschaft: Sie ist sehr mutig.«

Aung San Suu Kyi
»Wenn wir gewinnen und die NLD in die Regierung kommt, dann werde ich über dem Präsidenten stehen. Das ist eine einfache Botschaft.«

Ihre Hartnäckigkeit brachte sie 2015 sogar als Staatsrätin an die Spitze des Landes – mit den Generälen in der Regierung musste sie sich vorerst arrangieren.

Doch die Hoffnung auf Öffnung, wirtschaftlichen Erfolg und Demokratisierung währte nicht lange.

2. Der Völkermord

Als einige Rohingya, also Angehörige der muslimischen Minderheit in Myanmar, Polizeiposten im Bundesstaat Rakhine angriffen, brach ein alter Konflikt auf. Die myanmarischen Soldaten schlugen brutal zurück, töteten, vergewaltigten und plünderten ganze Dörfer. Mehr als 700.000 Rohingya flüchteten über die Grenze nach Bangladesch. Ein Massenexodus nach einem Völkermord.

Und Aung San Suu Kyi? Schaute weg. Ausgerechnet die Frau, die ihr Leben für die Demokratie riskiert hatte, knickte nun vor den Generälen ein. In Reden gab sie den Rohingya die Schuld an der Eskalation.

O-Ton Aung San Suu Kyi
»Die Terror-Gefahr, die der ursprüngliche Grund für die Ereignisse waren, die zu der humanitären Krise in Rakhine führten, ist heute immer noch real.«

Ein Verhalten, das sich vermutlich am ehesten mit ihrer Abhängigkeit vom Militär erklären lässt. Suu Kyis Partei hatte die Wahlen 2015 zwar haushoch gewonnen, doch laut Verfassung sind 25 Prozent der »Volksvertreter« für Militärs reserviert – darunter unter anderem auch das Verteidigungsministerium. Das bedeutete: Suu Kyi hatte in Sicherheitsfragen nichts zu sagen.

O-Ton Andreas Lorenz, ehemaliger SPIEGEL-Korrespondent
»Ich glaube, dass sie abgewogen hat und gesagt hat: Was ist sozusagen das kleinere Übel? Ich will das große Ziel nicht aus den Augen verlieren. Dazu haben wir alle viel zu viel Opfer gebracht. Wir müssen versuchen, die Militärs auf unserer Seite zu halten bzw. den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen. Und deshalb könnte es sein – ich neige wie gesagt zu dieser Variante – dass sie riskiert hat, ihren internationalen Ruf völlig zu verspielen.«

3. Der Putsch

Ihr großes Ziel – das Militär langfristig zu entmachten und selbst Präsidentin zu werden – liegt nun in weiter Ferne. Nach dem Putsch dröhnt nun wieder Militärpropaganda in den Straßen von Yangon. Aung San Suu Kyi wurde unter Hausarrest gestellt.

O-Ton Andreas Lorenz, ehemaliger SPIEGEL-Korrespondent
»Sie hat einen Fehler gemacht. Sie hat keinen Nachfolger herangezogen oder ausgebildet. (…) Und das ist genau das Kalkül der Generäle. Na, wenn wir die jetzt verurteilen oder einfach nur unter Hausarrest stellen, dann ist sie jetzt 75 – vielleicht erledigt sich das Problem von allein und ohne sie ist ihre Partei bei Weitem nicht so kräftig und hat vielleicht nicht so viele Anhänger, wie sie momentan hat.«

Die Lichtgestalt könnte nun für den Rest ihres Lebens zum Schweigen gebracht worden sein.
Hat Aung San Suu Kyi am Ende den falschen Weg gewählt, um ihr Land in die Freiheit zu führen? Schon früh war ihr Umfeld skeptisch:

O-Ton Andreas Lorenz, ehemaliger SPIEGEL-Korrespondent
»Einer hat mal gesagt: Die schwebt so zwischen Himmel und Erde wie eine Heilige. Die soll lieber diesen Status nutzen und in der Welt rumfahren und auf Kongressen und auf Konferenzen die Sache Burmas vertreten. Denn wenn sie sich als Heilige in Anführungszeichen in die Niederungen der Alltagspolitik gibt, dann verliert sie. Und so scheint es zu sein.«

Aung San Suu Kyi war willensstark und unbeugsam, ihr Leben lang. Es scheint, als seien ihr ausgerechnet diese Eigenschaften nun zum Verhängnis geworden.



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