Corona-Apps & Co.: Pandemie beschleunigt Tech-Innovationen in Afrika

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Wer bis vor wenigen Wochen aus einem Risikogebiet nach Deutschland eingereist ist, musste händisch ein Formular ausfüllen. Gefragt wurde unter anderem, ob ein Corona-Test vorliegt. Die Airlines mussten die Karten einsammeln, die dann per Post an die regionalen Gesundheitsbehörden geschickt wurden. Es stapelten sich Waschkörbe voll Papier.

In Simbabwe reicht den Grenzbeamten ein Handy. Per App scannen sie einen QR-Code, per Blockchain-Technologie wird dann gecheckt, ob ein negativer Corona-Test vorliegt und dieser echt ist. Nur ein Beispiel für digitale Innovationen made in Africa, während der Corona-Pandemie.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat im vergangenen Jahr knapp 1000 neue oder abgeänderte Technologien untersucht, die im Kampf gegen das Corona-Virus zum Einsatz kamen. Das Ergebnis: 120 davon stammen aus Afrika: unter anderem WhatsApp-Chatbots, Apps zur Kontaktnachverfolgung oder Selbstdiagnose-Tools.

Moredreck Chibi ist Experte für Innovationen im Gesundheitswesen und war an der Studie beteiligt. Er sieht in der Corona-Pandemie auch eine riesige Chance.

SPIEGEL: Ghana hat bereits im April eine Corona-App zur Kontaktverfolgung genutzt, in Deutschland wurde so eine App erst im Juni eingeführt. Lag Afrika diesmal vorn?

Moredreck Chibi: Ja, das kann man so sagen. Not macht erfinderisch. Wir konnten schnell den Erfindergeist unserer jungen Leute nutzen, da kam uns das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung zugute. Europa war vielleicht besser darin, die Innovationen langfristig vielen Nutzern bereitzustellen, aber wir waren mit vielem schneller. Und einige unserer Innovationen haben dann in der Pandemie wirklich geholfen.

SPIEGEL: Welche zum Beispiel?

Chibi: In Simbabwe kam Blockchain-Technologie [Anm. der Red.: verkettete, verschlüsselte Datensätze] zum Einsatz, als die Grenzen geschlossen wurden. Man brauchte ein negatives Testergebnis, um zu passieren und es waren sehr viele gefälschte Bescheinigungen im Umlauf. Also hat eine Gruppe junger Entwickler den Prozess sehr schnell digitalisiert: Die Covid-Testbescheinigungen werden seit dem Frühjahr über einen QR-Code mithilfe einer eigenen App gescannt. Die Grenzbeamten bekommen angezeigt, wann und wo der Covid-Test durchgeführt wurde. Und ein junger Mann in Kenia hat ein Programm zur Kontaktnachverfolgung in öffentlichen Kleinbussen entwickelt – basierend auf Handy-Überweisungen, mit denen die Fahrten bezahlt wurden. Das ist wirklich eine speziell auf den Kontinent zugeschnittene Erfindung.

SPIEGEL: In Ghana bekommt die Regierung Bewegungsdaten der Bevölkerung direkt von den Telekommunikations-Anbietern. Sind viele Innovationen auf Kosten des Datenschutzes entstanden?

Chibi: Das sollte definitiv richtig gehandhabt werden. Wir sagen den Entwicklern immer: Kümmert euch nicht nur um die Technik, bedenkt auch den Datenschutz. Wenn man das früher eingeplant hätte, hätten viele Risiken vermieden werden können, hätten einige Innovationen auch mehr Nutzer. Denn Datenschutz ist auch für die Akzeptanz sehr wichtig. Da hat Europa vieles gründlicher gemacht.  

SPIEGEL: Warum ist es in Afrika gelungen, so viele Innovationen hervorzubringen?

Chibi: Viele Länder wie Ruanda, Südafrika, Kenia und Nigeria sind schon lange sehr aktiv in der Techbranche. Die Regierungen dort haben die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen – zum Beispiel durch gute Internet-Infrastruktur. Und in vielen Ländern gab es schon Internet-Technologien wie Telemedizin-Apps, auf die man aufbauen konnte. Es gibt viele gut ausgebildete und experimentierfreudige junge Programmierer. Jetzt setzen wir uns hin und schauen: Was haben wir aus Covid gelernt und wie können daraus auch Geschäftsmodelle entstehen?

SPIEGEL: Woran hakt es noch?

Chibi: Viele afrikanische Länder sind von Geldgebern von außen abhängig, also es fehlt am nötigen Geld. Aber wir sehen, dass viele Innovationen aus Afrika globale Relevanz bekommen – wie zum Beispiel Apps zur Kontaktnachverfolgung. Die könnte man auch nach Deutschland exportieren. Es gibt ein Riesenpotential für Tech-Firmen, in Afrika zu investieren. Bisher passiert das selten, weil die Personal- und Logistikkosten hoch sind, wenig Bedarf gesehen wurde und natürlich ist da noch das Korruptions-Problem. Aber mit der jungen Generation wird sich das ändern. Die wollen Veränderung statt persönlichem Profit.

SPIEGEL: War die Corona-Pandemie also Fluch und Segen zugleich?

Chibi: Oh ja! Sie hat wirklich viele junge Leute angespornt neue Technologien hervorzubringen. Und vorher gab es einen riesigen Gesundheitstourismus: Wer genug Geld hatte und operiert werden musste, ist nach Frankreich oder Indien geflogen. Das ging nun nicht mehr. Da war vielen klar: Wir müssen uns um unsere eigenen Gesundheitssysteme kümmern. Es war ein Weckruf.

Icon: Der Spiegel



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