Darts-WM: Trotz Gabriel Clemens – Deutschland ist ein Darts-Entwicklungsland

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Gabriel Clemens wird wahrscheinlich etwas Zeit brauchen, um sich zu freuen. Zwei Tage, nachdem er als erster Deutscher überhaupt das Achtelfinale der Darts-WM der Professional Darts Corporation (PDC) erreicht hatte, scheiterte der Saarländer in einem dramatischen Spiel trotz sieben Matchdarts 3:4 an Krzysztof Ratajski. Das Viertelfinale, in dem mit Stephen Bunting oder Ryan Searle ein machbarer Gegner gewartet hätte, hat Clemens mehrfach um Millimeter verpasst.

Ein Halbfinale mit deutscher Beteiligung bei der Darts-WM 2021 hätte vielleicht genau das ausgelöst, was sich die PDC schon so lange wünscht: einen großen Darts-Boom in Deutschland.

Der Chef der PDC, Barry Hearn, machte aus der unspektakulären Randsportart ein Spektakel. Er verpasste den Spielern Spitznamen, ließ sie wie Wrestler mit »Walk-On-Songs« Richtung Bühne laufen und dabei von leichtbekleideten Damen begleiten. So wurde aus den Turnieren eine Mischung aus Sport-Event und Party. Mit großem Erfolg in Deutschland.

Hearn hatte Deutschland früh als wichtigsten Markt außerhalb Großbritanniens ausgemacht. »Ich brauche einen Topspieler, einen Boris Becker mit Pfeilen«, sagte Hearn, nachdem Max Hopp bei der WM 2015 mit Mervyn King erstmals einen namhaften Gegner bei der Weltmeisterschaft schlug. Becker hatte nach seinem Wimbledonsieg 1985 einen wahren Tennis-Boom in Deutschland ausgelöst.

Von 50 zu mehr als 20.000 Zuschauern

Auch ohne einen Boris Becker mit Pfeilen ist Deutschland für die PDC Wachstumsmarkt Nummer eins. In den vergangenen Jahren ging regelmäßig rund ein Viertel der Tickets für die WM im Londoner Alexandra Palace nach Deutschland.

Die meisten Turniere der 2012 ins Leben gerufenen European Tour finden hierzulande statt. Die Hallen sind regelmäßig voll. Laut Hearn waren noch beim ersten Event vor etwas mehr als acht Jahren etwa 50 Zuschauer da.

Mehr als 300.000 Menschen kamen im Jahr 2019 insgesamt zu Events der PDC Europe. Im Juni 2018 wurde in der Veltins-Arena auf Schalke sogar ein neuer Weltrekord aufgestellt, als 20.210 Menschen beim World Darts Masters zu Gast waren.

Nirgendwo sonst gibt es diese Zuschauerzahlen, nirgendwo sonst kann die PDC so viel Geld verdienen. Auch für den Fernsehsender Sport1 lohnt sich die Übertragung, jährlich erzielt er neue Rekordquoten. Das Spiel zwischen Clemens und Wright haben in der Spitze mehr als 1,2 Millionen Zuschauer verfolgt. Dazu kommen noch diejenigen, die die Partie beim Streamingdienst Dazn oder auf pdc.tv gesehen haben.

Trotz all der Darts-Begeisterung hat Deutschland keinen Spieler unter den Top 20 der Welt, keinen, der als ernsthafter Anwärter auf den WM-Titel gelten würde. Warum ist das so?

Der wichtigste Grund dafür ist wohl der fehlende strukturelle Unterbau in Deutschland. Zwar gibt es diverse Vereine und auch eine Darts-Bundesliga. Nachwuchs rekrutiert sich aber oft zu einem wesentlichen Teil aus Kindern von Vereinsmitgliedern oder den ambitionierten Freizeitspielerinnen und -spielern, die vom elektronischen Darts zum Steeldarts wechseln.

Ganz anders ist es in Großbritannien und in den Niederlanden. In England ist das Pfeilewerfen seit langem Volkssport, in den Niederlanden kann man Darts an vielen Schulen spielen. So kam auch die Nummer eins der Welt, Michael van Gerwen, mit dem Sport in Berührung.

Auch das Kneipenimage, das Darts immer noch – nicht ganz zu Unrecht – anhaftet, wirkt nicht auf jede Interessierte attraktiv. Zwar finden auch in Deutschland offizielle Ranglistenturniere nicht in Gaststätten statt, viele Vereine haben diese aber noch als Spielstätte.

Zu wenige Trainingspartner, hohe Reisekosten

Zudem müssen die wenigen deutschen Darts-Profis oft weite Fahrten auf sich nehmen, um mit anderen starken Spielern zu trainieren. Die Dichte an Halb- oder Vollprofis ist in den Niederlanden und besonders in Großbritannien deutlich höher. Unter anderem deswegen sind Spieler wie der Südafrikaner Devon Petersen oder Diogo Portela aus Brasilien nach England immigriert, um dort Trainingspartner auf höchstem Niveau zu haben.

Nicht zuletzt ist der Schritt ins Profidasein teuer und mit Risiken verbunden. Viele Turniere sind in England, eine Saison auf der Pro Tour bringt mindestens 10.000 Euro Reise- und Verpflegungskosten mit sich, potente Sponsoren sind nicht immer leicht zu finden. Und Preisgeld gibt es nur für Siege.

Erfolge wie der von Clemens könnten dafür sorgen, dass sich noch mehr Menschen in Deutschland für Darts begeistern, selbst spielen wollen. Vielleicht wird Clemens noch zum Boris Becker des Darts.

Icon: Der Spiegel



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