Impfstoff gegen Corona: So verlief der Impfstart in Hamburg

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Hedwig Maurer scheint die Aufregung, die am Hospital zum Heiligen Geist in Hamburg-Poppenbüttel herrscht, für etwas übertrieben zu halten. Die Bewohnerin des Pflegeheims gehört zu den ersten Menschen, die in der Hansestadt gegen das Coronavirus geimpft worden sind. »Ich musste ja nur den Arm hinhalten«, sagt die 91-Jährige.

Eine Pflegerin zupft der alten Dame die Strickjacke zurecht. An diesem Sonntagvormittag nach Weihnachten ist es kalt, grau und ungemütlich. Für Maurer war die Entscheidung für die Impfung offenbar keine schwere. Man habe sie gefragt und sie habe ja gesagt, berichtet sie. Während die ersten Geimpften bereits wieder das Gebäude verlassen, wartet Mitarbeiterin Sabine Kambach darauf, sich ihre Dosis abzuholen. Ein wenig unsicher fühle sie sich schon, sagt die 59-Jährige, aber sie habe sich informiert und es spreche mehr für die Impfung als dagegen.

Der Impfstoff der Unternehmen Biontech und Pfizer war erst am vergangenen Montag in der Europäischen Union zugelassen worden. Seit Anfang der Woche habe man »auf Hochtouren« gearbeitet, um den Tag vorzubereiten, sagt Frank Schubert, der Vorstandsvorsitzende des Hospitals zum Heiligen Geist. Unter anderem mussten Einwilligungserklärungen der Menschen, die sich impfen lassen wollen, eingeholt werden. Bei dementen Personen muss ein Betreuer oder Bevollmächtigter zustimmen.

Zeit, richtig Weihnachten zu feiern, habe er »weniger« gehabt, sagt Schubert. Die Information, dass es mit den Impfungen losgehe, sei jedoch wie eine »vorweihnachtliche Bescherung« gewesen. Im Hospital zum Heiligen Geist hatte es im Herbst rund 20 Corona-Fälle gegeben, darunter auch einige mit schweren Verläufen. Durch die Pandemie lebe man in ständiger Sorge, so Schubert. Dann muss er los – auch er selbst will sich an diesem Sonntag noch impfen lassen.

Größte Impfaktion gestartet

Insgesamt sei die Impfbereitschaft bei Bewohnern und Mitarbeitern hoch, heißt es von der Einrichtung. Genaue Zahlen nennt sie nicht. Mit rund 1200 Bewohnern ist das Hospital zum Heiligen Geist Hamburgs größte Pflegeeinrichtung. 15 mobile Impfteams sollen hier an diesem Sonntag rund 500 Menschen impfen. Schlangen bilden sich dennoch nicht, einzelne Senioren und Seniorinnen laufen oder fahren mit ihren Rollstühlen in den Festsaal, der als Impfzentrum dient, ebenso Pflegerinnen und Pfleger. Viele werden jedoch direkt in ihren Zimmern geimpft. Drei Tage wird es dauern, bis alle, die wollen, geimpft sind. Innerhalb von drei Wochen müssen sie dann eine zweite Dosis bekommen.

Allein nach Hamburg waren am Samstag 9750 Einheiten des Impfstoffs geliefert worden. Auch in den anderen Bundesländern startete am Sonntag offiziell die größte Impfaktion, die es in Deutschland je gegeben hat. Schon am ersten Tag sollen deutschlandweit mehrere zehntausend Dosen verabreicht werden, bis zum Jahreswechsel könnten es mehr als eine Million sein. Mobile Teams impfen nun zuerst vor allem Menschen über 80 Jahren in Pflege- und Seniorenheimen sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Krankenhauspersonal.

Einen Tag früher als geplant war bereits am Samstag eine 101-Jährige als Erste in Deutschland gegen Corona geimpft worden. Der Betreiber des Seniorenheims in Sachsen-Anhalt, Tobias Krüger, wollte offensichtlich keine Zeit verlieren. »Jeder Tag, den wir warten, ist ein Tag zu viel«, sagte er. Das Landratsamt hatte zuvor bei ihm angefragt, ob im Heim alles vorbereitet sei. 

Während im Inneren des Festsaals der Senioreneinrichtung in Hamburg-Poppenbüttel Bewohner und Bewohnerinnen sowie Pflegepersonen geimpft werden, stehen Bärbel Kukelies und zwei Nachbarinnen vor dem Gebäude. Die drei Frauen leben auf dem Gelände des Hospitals zum Heiligen Geist in eigenen Wohnungen, können aber – wenn notwendig – Unterstützung bekommen. »Wohnen mit Service« nennt sich das. Trotz der Kälte sind sie hergekommen, um sich das Ganze anzuschauen. Zum einen kennen sie viele Bewohner, zum anderen ist auch Bürgermeister Peter Tschentscher vor Ort. »Alles Gute«, ruft eine der drei, als Karin Sievers, die in einem dunkelblauen Mantel in einem Rollstuhl sitzt, wieder in Richtung ihrer Unterkunft gebracht wird.

»Viel zu früh, um über Lockerungen nachzudenken«

Die 84-jährige Sievers war die erste Hamburgerin, die den Impfstoff verabreicht bekam – in Beisein von Tschentscher und Sozialsenatorin Melanie Leonhard (beide SPD). »Wir haben diesen Tag sehr lange erwartet«, sagt die Politikerin wenig später. Jede Impfung, die jemand bekomme, könne dazu beitragen, einen schweren Krankheitsverlauf zu verhindern. Schritt für Schritt würde man so »den Weg aus der Pandemie« finden.

Tschentscher dankt allen Menschen, die an der Vorbereitung beteiligt gewesen waren. Er verweist auch auf die Historie der rund 800 Jahre alten Einrichtung: Sie habe schon einige Pandemien erlebt, aber mit dem Corona-Impfstoff sei es das erste Mal, dass man aktiv dagegen vorgehen könne. »Es geht uns ja darum, möglichst schnell möglichst viele Menschen zu impfen«, sagte er, warnte aber angesichts der nach wie vor hohen Infektionszahlen auch vor zu großen Hoffnungen auf schnelle Besserung: Noch sei es viel zu früh, um über Lockerungen nachzudenken.

Am Montag oder Dienstag will sich auch Bärbel Kukelies impfen lassen. »Die Entscheidung wurde einem abgenommen«, sagt sie. Damit meint sie nicht etwa eine Impfpflicht, sondern sie sieht es so: Das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, sei höher als mögliche Nebenwirkungen der Impfung.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa

Icon: Der Spiegel



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