Donald Trumps Abgang: Er macht es schrecklich

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Das jüngste Video des amerikanischen Präsidenten ist bewundernswert – wenn man es unter dem Aspekt der politischen Kreativität betrachtet. Wo sich alle scheidenden Präsidenten um einen würdevollen Abgang oder wenn dies, wie im Falle von Richard Nixon, nicht möglich war, wenigstens um ein historisch anmutendes Foto bemüht haben, hat sich Donald Trump etwas Eigenes überlegt: Er macht es schrecklich. Er lügt, greift an, unterstellt und droht, begnadigt die übelsten Typen und versucht noch in den letzten Tagen, jeden naheliegenden Gewinn mitzunehmen.

In wenigen Minuten feuerte er unter anderem Verschwörungstheorien an und bedrohte den Status der USA als einer offenen Gesellschaft, in dem er das Prinzip des friedlichen Machtwechsels de facto in Frage stellte.

Es ist, als habe er gewettet, denn denkbar peinlichsten, krassesten, in jeder Hinsicht widerlichen Abgang zu liefern. Barack Obama produzierte in seinen letzten Tagen im Amt ein lustiges Video, das ihn mit dem ehemaligen Mehrheitsführer der Republikaner Joe Boehner beim Kartenspiel zeigt – eine elegante Geste überparteilicher Komik.

Trump hingegen kommt mit Kopf-in-beide-Handflächen-Garantie. Und zieht so die Aufmerksamkeit der Welt auf sich, denn seine Marke der narzisstischen Grausamkeit ist einzigartig. Längst haben die Wahlmänner Joe Biden gekürt, sein Parteifreund Mitch McConnell hat die Niederlage der Republikaner eingestanden und der Supreme Court hat alle Klagen gegen die Wahl abgewiesen – aber sein Urteil aus Tatsachen abzuleiten, das passt nicht für Donald Trump.

Er kennt sein Publikum: ein überparteilicher, vernünftiger elder statesman namens Trump würde langweilen. Erneut wendet er die dramatischen Stilmittel des professionellen Wrestlings an. Wenn dort ein Kämpfer mit verbundenem Bein in den Ring humpelt und der Sprecher erklärt, der Gegner werde die Verwundung bestimmt respektieren, dauert es nicht lang, bis der Kontrahent exakt – und wie Kinder sagten »extra« – auf die bandagierte Stelle tritt, mit voller Wucht. Das Publikum hält den Atem an, ebenso entsetzt wie amüsiert. 

Diese Inszenierung von Gemeinheit ist ein Markenzeichen und kein echter Angriff auf die Menschlichkeit, das muss man unterscheiden – aber es ist die symbolische Vorstufe. Trump hat seine Proud Boys und andere rechte Truppen nicht dazu angestiftet, Massaker unter ihren Landsleuten zu begehen. Aber viel fehlt auch nicht mehr. Und man versteht die Sorge, mit der Beobachter wie Bill Kristol die politische Dynamik im letzten verbleibenden Monat Trumps zu deuten versuchen. Man kann sich nun einmal nicht sicher sein, dass er nicht doch plötzlich Leute verhaften lässt oder dass andere seinen Worten eine Anleitung zum Massenmord entnehmen.

Und wenn er über kurz oder lang und nach weiteren Skandalen und Eskalationen zumindest aus dem Präsidentenamt verschwindet, wird seine groteske Person sehr bald schon im Gedächtnis der Welt mit seiner ganzen, riesigen Generation, mit einem Lebensstil und Wachstumsmodell verschmolzen sein, deren Zeit längst abgelaufen ist.

Auch wenn manche Leserinnen und Leser jetzt aufjaulen werden: Mit seiner Verachtung für Regeln, dem exzessiven Narzissmus und radikalen Konsumismus ist Trump ein letzter, wenn auch politisch anders gepolter Achtundsechziger. Deren Erfahrung ist es, dass sich die Verhältnisse ihrer Weltsicht anpassen und dass sie – von der Ehe über die Schule zu den Medien – keine soziokulturelle Institution so verlassen, wie sie sie vorgefunden haben.

Die Arbeit wartet noch

Im Lichte dieser generationellen Erfahrung agiert auch Trump: Das Klima kollabiert unter dem CO2-Ausstoß? Trump jettet zum Golfen und lässt die letzten Reservate zu Bohrlöchern umwandeln. Die Macht in der Welt verteilt sich auf mehr Regionen, die Menschen ersehnen ein Ende des Rassismus? Trump ist der personifizierte Rassismus, das ist sein Markenzeichen. Würde jemand anderes als weißer Mann seine mit Gewalt flirtenden Umsturzfantasien äußern, wäre längst die Hölle los. Der Bundeshaushalt gerät in Schieflage wegen seiner absurden Steuergeschenke? Trump fordert mehr Geld für alle und spricht aus Erfahrung: Er konnte noch so viel Unsinn anstellen, er wurde immer reicher. Eigensinn, Antikonformismus, anarchische Energie – Trump brennt in diesen Tagen ein letztes Feuerwerk kulturkämpferischer Achtundsechziger-Knaller ab, nur eben die rechtsanarchistische Variante. 

Trump ist unsere umfassende Wachstumsideologie unter einer gelben Haarpracht. Darum sind diese letzten Tage, die irren Tweets und verzweifelten Auftritte noch so wichtig: Dieser Abschied steckt voller Momente der Wahrheit nicht bloß über Trump, sondern über die Logik medialer Aufmerksamkeit, über Korruption und vor allem über uns, unsere Sucht nach Wachstum – einmal nach mehr Geld und mehr Zeug, aber auch nach heftigeren News, einfachen Lösungen und guter Show. Nach einem immerwährenden politischen Zirkus, der uns unterhält, ohne zu viel von uns zu verlangen.

Trump entlastet daher auch: Jede und jeder kann sich ihm überlegen fühlen, er möchte gar nichts von uns, außer dass wir ihn beachten. Und dafür setzt er nach und nach alles aufs Spiel, was die Nachkriegsordnung des Westens so besonders gemacht hat: freie Wahlen, Schutz der Menschen- und Bürgerrechte, gewaltlose Machtwechsel.

So befinden wir uns kurz vor Weihnachten noch mal an einem extremen Punkt: Show oder Leben? Trump wird bald Geschichte, wird Gruselgeschichte sein – aber das, wofür er steht, leider noch nicht. Diese Arbeit wartet noch. 

Icon: Der Spiegel





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