Russland: Wladimir Putin feiert 100 Jahre Spionage

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Tscheka, KGB, jetzt SWR: In den 100 Jahren seiner Geschichte hat der russische Geheimdienst und hier besonders dessen Auslandsabteilung eine ganze Reihe Namen getragen. Selbst Systemwechsel wie der Kollaps der Sowjetunion 1991 konnten seiner Kontinuität aber nichts anhaben. Mit hoher, gefürchteter Effizienz erledigten Russlands Spione, was auch immer man ihnen aufgab – oder gibt.

Das weiß natürlich auch ein ehemaliger Agent zu schätzen: Wladimir Putin begann seine Karriere von 1975 bis mindestens 1990 in den Rängen des KGB und vertiefte ab 1985 seine Deutschkenntnisse als Auslandsspion in Dresden. Ende der Neunzigerjahre war Putin dann zwei Jahre Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB – der Höhepunkt seiner Geheimdienstkarriere.

Sein Wechsel in die Politik verlief danach schnell und geschmeidig, seine Wurzeln hat der heutige Präsident aber nicht vergessen: Kein Wunder, dass er es sich nicht nehmen ließ, zur Feier von 100 Jahren Auslandsgeheimdienst das Hauptquarttier des SWR zu besuchen.

»Die Lehren der Geschichte«

Dort gab es dann salbungsvolle, aber auch mahnende Worte vom Präsidenten und Ex-Kollegen. Nie, meinte Putin, dürften die Verdienste von Russlands Spionen vergessen werden: »Wir vergessen aber auch nicht die Lehren der Geschichte, die Verbrechen und die Repressionen gegen das eigene Volk.« Der Kremlchef mahnte deshalb, sich an die Gesetze zu halten.

So ganz ohne freundschaftlichen Tadel ging das wohl derzeit nicht: Im Fall der Beinahe-Ermordung des Regierungsgners Alexey Nawalny sind Russlands Autoritäten noch immer mit Dementis beschäftigt. Derweil kocht in den USA die Debatte über einen Hackerangriff hoch, der in seiner Tragweite als äußerst bedrohlich bewertet wird. IT-Experten und Politiker von Demokraten wie Republikanern halten die Russen für die Urheber der Attacke, die sich tief in die Datenstrukturen der US-Regierung wühlte. Einziger prominenter Verteidiger ist zurzeit Noch-Präsident Donald Trump, der lieber auf China zeigt und beklagt, immer zeigten alle gleich auf Russland, wenn so etwas passiere.

Darauf, Trump eine zu große Distanz zu Russland vorzuwerfen, ist in seiner Amtszeit allerdings auch noch niemand gekommen: Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass der russische Geheimdienst in die Wahl eingegriffen hatte, die Trump an die Macht brachte. Viele Experten halten das inzwischen für erwiesen – aber was ist schon ein Beweis in der digitalen Forensik?

Stilecht: Aktivitäten abstreiten, aber Arbeit loben

Als Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes hat der Putin-Vertraute Sergej Naryschkin jede Menge Übung in der Abwehr solcher Vorwürfe aus dem Westen: Hackerattacken auf US-Stellen? Einmischung in US-Wahlen? Cyberangriff auf den Deutschen Bundestag 2015? Morde an Staatsfeinden respektive Kritikern der Regierung? Die Antwort aus Moskau ist meist dieselbe: Russland habe mit alldem nichts zu tun!

Doch in diesen Tagen kann Naryschkin einmal zeigen, wie stolz er auf die Arbeit seiner Leute ist – wie auch immer die aussieht. »Die Aufklärung ist ein schwerer, gefährlicher und ein ziemlich interessanter Beruf, der einen das ganze Leben begleitet«, sagte Naryschkin zum runden Jubiläum.

Der 66-Jährige muss es wissen. Er hat – wie Putin – schon beim berüchtigten Geheimdienst KGB gedient. Aber mit Agentenfilm-Klischees wie bei James Bond habe sein Job nichts zu tun – ein insofern seltsamer Vergleich, als in den Bondfilmen stets der KGB am Ende eines auf die Mütze bekommt. Die Realität sei jedenfalls anders: »Solche Actionfilme sind sehr weit weg von der Arbeit der Geheimdienste«, sagt Naryschkin im Gespräch mit der von ihm selbst geführten Russischen Historischen Gesellschaft.

Kernaufgabe des Dienstes sei es bis heute, geheime Informationen zu sammeln, äußere Bedrohungen zu erfassen, Entwicklungen zu analysieren und den russischen Staat zu schützen. Also alles viel harmloser als so oft unterstellt. Naryschkin, ein knöcherner Mann, sieht den SWR als einen der effektivsten Nachrichtendienste der Welt. Vor allem das große Netz von Spionen, das sich nicht jeder Staat leisten könne, sei der »Goldschatz«. 

Blick zurück: Bitte am Blut vorbeisehen!

Der kommunistische Revolutionär Feliks Dzierzynski (oder: Felix Dscherschinski, 1877-1926) gründete einst den mächtigen Geheimdienstapparat – genannt Tscheka. Am 20. Dezember 1920 unterzeichnete er den Befehl zur Gründung der Ausländischen Abteilung in der schon drei Jahre zuvor geschaffenen Gesamtrussischen Notfallkommission für den Kampf gegen Konterrevolution und Sabotage (WTschK).

Dzierzynski, nach dem in der DDR das Wachregiment der Staatssicherheit benannt war, galt als einer der schlimmsten »Henker« unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Bis heute ist er das Idol der russischen Sicherheitsdienste. Ihm zu Ehren stehen in Russland nicht nur Denkmäler; Läden verkaufen seine Büsten und Souvenirs mit seinem Foto. Dabei fielen den »Tschekisten«, wie Geheimdienstler bis heute in Russland genannt werden, viele Menschen zum Opfer.

Bei den Feiern wird die blutige Seite der Geschichte weitgehend ausgeblendet. Im Mittelpunkt stehen »Heldenspione«, die in den USA atomare Geheimnisse abgriffen. Zu den Legenden der Moskauer Auslandsaufklärung gehören auch die »Cambridge Five«, darunter der berühmte Doppelagent Kim Philby. Fernsehdokumentationen, Spielfilme und eine Ausstellung zum Jubiläum erinnern an die Spione im Zweiten Weltkrieg, die der Sowjetunion zum Sieg über Hitlerdeutschland verhalfen.

Gewürdigt wird etwa auch der Topagent Rudolf Abel alias William Fisher (1903-1971), der in den USA gefasst wurde. Er wurde im ersten Gefangenenaustausch des Kalten Krieges 1962 an der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam übergeben und entging damit der Todesstrafe. Bis heute gibt es diese international beachteten Aktionen des Austauschs von Agenten zwischen den USA und Russland.

Zum spektakulärsten Fall seit Ende des Kalten Krieges kam es 2010 in Wien, als die russische Agentin Anna Chapman und andere Spione gegen den inhaftierten früheren GRU-Geheimdienstler Sergej Skripal ausgetauscht wurden. Skripal hatte damals eine Strafe wegen Hochverrats abgesessen, weil er an den britischen Geheimdienst MI6 Namen russischer Agenten übergeben hatte.

Putin, der sich damals auch mit Chapman traf, meinte, »Verräter« nähmen ein schlimmes Ende: im Suff oder als Drogenjunkies. Er bezog sich zwar auf den früheren SWR-Agenten Alexander Potejew, der Chapman und andere in den USA hatte auffliegen lassen. Doch auch nach der Vergiftung Skripals mit dem Nervengift Nowitschok 2018 in England betonte Putin immer wieder, Verrat sei das »schlimmste Verbrechen« überhaupt.

Der russische Geheimdienstexperte Andrej Soldatow meint mit Blick auf die großen Fälle der letzten Jahre – von den US-Vorwürfen zu Cyberattacken über die Ermordung des Ex-Geheimdienstlers Alexander Litwinenko in London mit dem Strahlengift Polonium 210 bis hin zur Vergiftung des Kremlgegners Alexej Nawalny mit dem Nervengift Nowitschok -, dass Moskaus Geheimdienste inzwischen immer unverfrorener vorgingen. Sie hätten jede Angst vor Enttarnung verloren. Soldatows Fazit lautet: »Russlands Geheimdienstorganisationen sind gar nicht mehr sehr geheim.«

 Nur tun sie eben nichts, was man ihnen vorwirft, wie ihre Verteidiger behaupten: Das dann aber offenbar gut.

Mit Material der Deutschen Presse-Agentur

Icon: Der Spiegel



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