Buch-Tipps von Elke Heidenreich: Was lesen Sie an Weihnachten?

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Elke Heidenreich

Das ist ein Wahnsinnsbuch. Wenn Sie noch ein super Geschenk zu Weihnachten brauchen, dann die »Welt der Renaissance«. Ich glaube, es wiegt drei Kilo, so dem Gefühl nach. Kostet 90 Euro, das ist dann pro Kilo 30 Euro – ist es wert. Das Buch enthält Texte aus der Renaissance, herausgegeben, neu übersetzt, zusammengestellt, kommentiert von Tobias Roth. Der muss selbst ein Renaissance-Mensch sein, meiner Meinung nach. Er hat auch den Verlag »Das kulturelle Gedächtnis« gegründet. Die Renaissance, das war eine tolle Zeit, 1350 ungefähr bis 1500. Die große Zeit der Erneuerungen in der Kunst, in der Wissenschaft, des Denkens. Von Italien aus ging das goldene Zeitalter über die ganze Welt. Dieses Buch ist auch… ich muss Ihnen noch zeigen, wie schön das farblich ist: Wir müssen es einmal aufschlagen. Es enthält Texte, aber es enthält auch… Gucken Sie mal, solche Farbtafeln. Es ist einfach wunderbar gestaltet. Und da drin kommen vor: Texte von Künstlern, von Dichtern, von Politikern, von Wissenschaftlern aus der Zeit. Alles gut kommentiert und frisch übersetzt. Was da alles passierte, damals in der Renaissance. Das können Sie sich heute gar nicht mehr vorstellen. Es war ein neuer Blick auf die Menschen, ein neuer Blick auf die Welt. Es wurde zum ersten Mal seziert. Der Mensch stand plötzlich im Mittelpunkt. Die Bildhauer, die Ärzte waren wichtig. Der Horizont hat sich geweitet. Entdeckungen, die Welt wurde umsegelt. Man hat andere Länder entdeckt. Man hat die Schönheit entdeckt. In der Architektur zum Beispiel, in der Malerei die Zentralperspektive. Das alles zeigt dieses wunderbare Buch. Und in einem tollen Vorwort, erklärt Tobias Roth auf, worum es geht. Und dann kommen die Texte im Original von Petrarca, von Boccaccio, von Leonardo da Vinci, von Raffael, von Savonarola. Es ist ein Leseglück ohnegleichen und ein Buch, was wirklich schlau macht, was wunderschön ist und was ein prächtiges Geschenk abgibt.

So, und jetzt habe ich noch was für Sie: Dieses Jahr war plötzlich wieder eine Renaissance von Susan Sontag. Susan Sontag, die großartige Frau, die brillante Denkerin, die Essayistin, starb 2004 und in diesem Jahr hat man sie wiederentdeckt. Zuerst ging es los bei Hanser, mit den kleinen Erzählungen von ihr »Wie wir jetzt leben«. Da ist auch die Geschichte drin, wie sie als 14-, 15-jährige Thomas Mann besucht hat in Pacific Palisades. Und da merkt man schon, wie einerseits selbstbewusst und andererseits auch schon etwas hochmütig sie war. Sie guckte sich dieses ganze spießige Ambiente bei den Manns an und war andererseits aber von diesem Mann, der den Zauberberg geschrieben hat, so beeindruckt, dass sie gar nichts sagen konnte. Und später schrieb sie in ihr Tagebuch: »Thomas Mann und ich waren beide nicht in Bestform an diesem Tag«, das ist doch schon wunderbar. Dann gibt es ein Buch beim Aufbau Verlag von Sigrid Nunez »Sempre Susan«. Sigrid Nunez hat damals so ein bisschen als Sekretärin für sie gearbeitet, sich dann verliebt in ihren Sohn Philipp Rieff, den Susan Sontag mit 19 Jahren von ihrem Professor bekommen hat. David Rieff, der Professor hieß Philipp. Der Sohn hieß David. Und Sigrid Nunez und David waren eine Zeitlang zusammen, und sie wohnte mit denen in diesem Haushalt und schildert uns Susan als sehr kapriziös, auch als oft schroff und unangenehm. Aber sie macht es ohne jede Bosheit. Es war einfach eine brillante Denkerin, Essayistin, die keine Zeit hatte, sich um einen Haushalt zu kümmern. Da wurde nie gekocht. Essen wurde gekauft oder man ging essen oder Freunde kochten eben. Und dann gibt es jetzt »Sontag«, die Biografie von Benjamin Moser, die es bei Penguin erschienen und die ist einfach grandios. Er hat ja dafür auch den Pulitzer-Preis bekommen. Sehen Sie mal, wie schön diese Frau ist, oder? Ich war immer verliebt in Susan Sontag. Und er macht es so toll. Er schreibt nicht erst Kindheit, Schulzeit und so. Sondern in allem, was Susan macht, sieht er schon die künftige Susan, die vergangene Susan. Er zitiert viel aus ihren Werken und leitet daraus ihr Leben ab und ihren Charakter. Und wir kennen alle ihren berühmten Satz: »Ich schreibe, um zu wissen, was ich denke.« Und den geht er entlang und hat ein ganz großartiges Buch geschrieben, das uns diese Frau mit ihrer grenzenlosen Neugier, mit ihrem Wissensdurst näherbringt und auch mit ihren Ängsten und z.B. mit ihrer Scheu und Scham, ihr Leben lang nicht öffentlich über ihre Bisexualität zu reden. Das alles in diesem wunderbaren Buch »Susan Sontag«.

So, wem das alles zu dick, zu kompliziert ist, für den habe ich einen Krimi: Jeder kennt den »Malteser Falken«, das heißt, jeder kennt den Film. Den hat John Houston gedreht, 1941. Das Buch ist von Dashíell Hammett 1930 geschrieben. Sam Spade im Film war Humphrey Bogart und Mr. Cairo, Peter Lorre mit der hohen Stimme und das ist jetzt neu und frisch übersetzt von einer Frau, die sich »pociao« nennt. Ich stolpere immer über diesen Namen. Sie nennt sich »pociao«, ganz toll übersetzt, liest sich frisch und wie neu. Und für die Damenwelt, die solche harten Krimis nicht lesen will, habe ich Patricia Highsmith »Ladies«. Das sind ganz frühe Storys von Patricia Highsmith. Einige waren noch nie veröffentlicht und es ist wunderbar, Marzipankartoffeln zu futtern und dabei zu lesen, wie sich andere Frauen ihr Leben ruinieren. So, und ich habe es ja immer mit Gedichten: Ich habe Ihnen dieses tolle Buch von Ror Wolf schon mal an anderer Stelle vorgestellt. »Alles andre: ungewiss«. Es ist einfach so komisch. Ich will Ihnen nochmal sagen, vergessen Sie nicht, dass es dieses Buch gibt. Ich lese Ihnen einen Vierzeiler vor zum Abschied. Ein Gedicht übers Wetter, das kann man doch immer brauchen. Das Gedicht geht so: »Es schneit. Dann fällt der Regen nieder. Dann schneit es, regnet es und schneit. Dann regnet es die ganze Zeit. Es regnet und dann schneit es wieder.« In diesem Sinne: schöne Weihnachten.

 



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