News des Tages: Angela Merkels Corona-Rede, Hoffnung für die Weltwirtschaft, Champions League

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1. Auftritt

»Was wird man denn im Rückblick auf ein Jahrhundertereignis mal sagen, wenn wir nicht mal für diese drei Tage eine Lösung finden?«, fragt die Kanzlerin in einer ungewohnt aufwühlenden Rede heute im Bundestag (hier im Video). Drei Tage, damit meint sie die Weihnachtsferien, die sie früher beginnen lassen will. Und auch sonst fordert sie schärfere Corona-Beschränkungen – einen Lockdown, wie ihn die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina vorgeschlagen hat.

Mein Kollege Stefan Kuzmany kommentiert:

»Angela Merkel wird, so scheint es, mit jedem ihrer Auftritte emotionaler. Das mag als Beleg dafür gelten, wie ernst es ihr damit ist, die Deutschen davon zu überzeugen, ihre Kontakte noch weiter zu reduzieren, um die Ausbreitung des Corona-Virus zumindest etwas zu verlangsamen. Es mag als Beleg ihrer Verzweiflung darüber herhalten, dass ihre altbekannte Nüchternheit ähnlich wenig Wirkung zeigt wie die Maßnahmen des seit November geltenden Lockdown light. Es mag sein, dass Angela Merkel, früher gern mal despektierlich als ›Mutti‹ verspottet, in der Pandemie tatsächlich zur Mutter der Nation wird, die ihr Volk vor Unheil bewahren möchte. Es ist sicherlich alles bestens gemeint. Und trotzdem kann es sein, dass Merkel und andere, die es ihr gleichtun, mit dieser Art der Kommunikation großen Schaden anrichten.

Wenn die Kanzlerin etwa in einem Radiointerview angesichts der Kälte in den dauergelüfteten Klassenzimmern rät, die Schülerinnen und Schüler sollten ›auch mal ‘ne kleine Kniebeuge oder so‹ machen oder in die Hände klatschen, dann wird das bei vielen Eltern nicht wie Fürsorge ankommen, sondern wie eine etwas infantile Weltfremdheit.

Wenn die Kanzlerin in ihrer heutigen Ansprache sagt, sie wisse, ›wie viel Liebe dahintersteckt, wenn Glühweinstände aufgebaut werden, wenn Waffelstände aufgebaut werden‹, dann kann sie das nur in Verkennung der Tatsache tun, dass es sich dabei weniger um Liebhabereien, sondern um eher schnöde Straßenverkäufe von Gastronomen handelt, die in der Krise keine andere Einnahmequelle mehr sehen, als alkoholische Heißgetränke an Passanten zu verhökern. Und wenn sie diesen Straßenausschank mit dem Argument ablehnt, dass wir ›dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen von 590 am Tag haben‹, dann hält sie ihre Zuhörerinnen und Zuhörer offenbar für etwas beschränkt. Denn jede und jeder, der oder die mit offenen Augen durch unsere Städte geht, muss sich doch fragen: Die Schulen sind offen, die Menschen sitzen dicht an dicht in U- und S-Bahnen, der Einzelhandel läuft, aber verantwortlich für die aktuellen Todeszahlen sollen die Glühweintrinker auf der Straße sein?

Man kann so argumentieren wie die Kanzlerin – mütterlich, dramatisch, wie gegenüber einem Kind, in der Hoffnung, durch den emotionalen Appell die Menschen zur Zurückhaltung zu bewegen, zum Daheimbleiben. Aber dann muss man sich nicht wundern, wenn man damit gänzlich unerwünschte Emotionen auslöst: Ablehnung, Widerwillen und Trotz.«

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2. Aufschwung

Pandemie, Lockdown, Trübsal allerorten – und dennoch: Großen Teilen der Wirtschaft geht es am Ende des Katastrophenjahrs 2020 längst nicht so schlecht, wie anfangs befürchtet wurde, wie meine Kollegen Benjamin Bidder und Claus Hecking berichten. Im Gegenteil: Hier und da gibt es neuerdings sogar Entwicklungen, die auf eine globale Trendwende hindeuten, eine Wende zum Positiven. So entwickelt sich die Auftragslage der deutschen Industrie »erstaunlich robust, die Auftragseingänge lagen im Oktober – dem letzten Monat, für welchen Daten verfügbar sind – bereits wieder auf dem Niveau von Februar«, schreiben die beiden. China habe die Krise sogar schon hinter sich.

3. Abbruchreif

Heute Abend treten in der Champions League die Klubs Paris Saint-Germain und Istanbul Başakşehir gegeneinander an – sie setzen ihr Spiel von gestern fort, das wegen eines Eklats unterbrochen wurde: Der Schiedsrichter-Assistent aus Rumänien war mit Pierre Webó aneinandergeraten, dem Betreuer der türkischen Mannschaft. Der Vorwurf: Er habe Webó mit dem berüchtigten N-Wort tituliert. Der Offizielle beteuert, er habe ihn lediglich »den Schwarzen« genannt (rumäisch: »negru«), um ihn für seine Schiedsrichterkollegen zu identifizieren.

»Du würdest nie ›dieser Weiße‹ sagen, sondern ›dieser Mann‹. Warum sagst Du also ›dieser Schwarze‹, wenn Du einen Schwarzen meinst?«, fragte der Pariser Ersatzspieler Demba Ba. Nach 23 Minuten verließen beide Mannschaften geschlossen das Feld. (Mehr dazu hier.)

»Jetzt sagen die Leute: Ja, wenn das schon Rassismus ist, dann ist ja fast alles Rassismus«, kommentiert mein Kollege Peter Ahrens aus unserem Sportressort den Vorgang. »Tja, alles nicht, aber immer und überall ist er eben schon, und im Fußball nicht mehr und nicht weniger als anderswo.« Allerdings hätten sich gerade die Uefa sehr viel darauf eingebildet, sich seit Jahren im Kampf gegen Rassismus einzusetzen. »Da wirkt es natürlich etwas blöde für den Verband, wenn der eigene Referee einen Spielabbruch provoziert. Die Spieler von PSG und Başakşehir mussten der Uefa am Dienstagabend vormachen, wie man auf so etwas eindrucksvoll reagiert.«

Erneuter Anstoß: heute um 19 Uhr.

  • Durchdrehstart: Die US-Schauspielerin Meryl Streep, 71, hat es nach einer Corona-Quarantäne, in der sie sich »total allein« fühlte, schwer gehabt, sich auf die Dreharbeiten für die Science-Fiction-Komödie »Don’t Look Up« zu konzentrieren, wie sie in der “Late Show” von Stephen Colbert, 56, sagte. »Meine erste Szene bestand darin, als Präsidentin ein Stadion voll mit 20.000 Menschen zu betreten, mein Gesicht auf dem Großbildschirm vor mir, und ich bin total durchgedreht.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Ein Passagier des Kreuzfahrtschiffs ›Quantum oft he Seas‹ der Reederei Royal Caribbean International ist positiv auf das Coronavirus getestet worden.«

Cartoon des Tages: Trostbonbon

Und heute Abend?

Könnten Sie abtauchen in die Weltgeschichte. Das SPIEGEL-Geschichts-Ressort hat, bewährte Methode, auf unsere Schwarmintelligenz gesetzt und eine Umfrage unter allen Kolleginnen und Kollegen des Hauses gestartet: »Welches Buch habt ihr in diesem Jahr gelesen, das mit Geschichte zu tun hat und das ihr als Weihnachtsgeschenk weiterempfehlen könnt?«

Es kamen so viele Antworten, dass ein Mehrteiler draus geworden ist. In Teil I empfiehlt zum Beispiel meine Kollegin Simone Salden ein Buch über Simone de Beauvoir, Diana Doert erklärt, warum Hararis Bestseller »Eine kurze Geschichte der Menschheit« als Graphic Novel noch besser ist, und der Geschichts-Redakteur Frank Patalong plädiert für ein Buch, das die deutsche Einheit als Mythos entlarvt – wohlgemerkt die von 1871. (Hier finden Sie die Empfehlungen.)

Einen schönen Abend! Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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