RTL-Jahresrückblick mit Günther Jauch: Ein Jahr zum Runterspülen

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Es war ein Jahr zum Runterspülen, das wollten die Macher der RTL-Jahresbilanz »Menschen, Bilder, Emotionen« offenbar ihren Zuschauerinnen und Zuschauern mitteilen. Deshalb setzen sie den Moderator Günther Jauch am Sonntagabend auf eine Kloschüssel, von der aus er sich der ein paar Meter entfernt auf einer andern Kloschüssel hockenden Schauspielerin Elena Uhlig zuwendet und deren Sparwitzfragen zum Beispiel nach Jauchs schlechtestem Schulfach zu Kinderzeiten beantwortet.

Zweieinhalb Stunden zuvor hat Jauch die Sendung mit dem Gag eröffnet, dass er auf einem Thron aus Klorollen sitzt, während er sich mit einer gleichfalls auf einem Klorollen-Sitz platzierten jungen Influencerin über Hamsterkäufe in Supermärkten unterhält.

Der RTL-Jahresrückblick, der da am Nikolausabend angesetzt ist, hat eine lange Tradition als betont gefühlige Elf-Monats-Bilanz zur Adventszeit. Einer Illustrierten hatte der Dauergastgeber Günther Jauch vorab verraten, der Jah­res­rück­blick sei die ein­zige Sen­dung, vor der er noch nervös sei, »ob­wohl ich die ja schon zum 33. Mal ma­che«. Und um die Spannung ins schier Unerträgliche zu steigern, fügte er hinzu: »Ich schließe mich min­des­tens eine Woche vor der Sen­dung ein, lese, über­lege und ent­wickle Fra­gen.«

Launige Suche nach »komischen Momenten« im Jahr 2020

In diesem Jahr ist der plötzlich aufbrandende künstliche Applaus die auffälligste Absurdität einer Livesendung im leeren Studio. Der dank seiner Markentreue und seiner stoischen Unveränderlichkeit längst ein bisschen Miss-Sophie-hafte Jauch spielt the same prodecure as every year.

Er hat sich diesmal prominente Menschen wie die zwölfjährige Schauspielerin Helena Zingel, den Fußballkönig Rainer Calmund und den Virologen Hendrik Streek eingeladen – und er gibt sich mit unverwüstlichem Dienstleisterlächeln den ganzen Abend alle Mühe so zu tun, als sei trotz Corona die Welt halbwegs in ihren Fugen. Man redet über Hollywood, Magenverkleinerung und unerledigte E-Mails in Medizinerhaushalten. Und irgendwann fragt Jauch den Seuchenfachmann Streek, ob es nach der Covid-19-Pandemie im nächsten Jahr ein womöglich neu auftretendes Virus mit einer 20 oder einer 21 im Namen geben werde. Streek sagt, mit Viren sei es »wie mit einem Erdbeben«, man könne ihr Auftreten leider nicht vorhersagen.

»Bei aller Tragik hatte das Jahr auch viele komische Momente«, versichert Jauch beim Anmoderieren von lustigen Youtube-Clips über tollpatschige Kinder, einen neugeborenen Katzenbären im Berliner Zoo und missglückte Zoom-Konferenzen. Donald Trump, Joe Biden und Kamala Harris kommen nur in ein paar Schnipseln vor. Der Erstickungstod des von Polizisten drangsalierten US-Amerikaners George Floyd ebenso. Die Sprengstoffexplosion, die den Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut zerstörete, ist gleichfalls nur ein kurzer Einspieler.

Ausführlich dagegen treten grundsympathische Lebensretter und Lebensgerettete in Jauchs Sendung auf, die bei Unfällen oder bei Autopannen Mut bewiesen oder Glück gehabt haben. Und erwartungsgemäß ist der Champions-League-Sieg des FC Bayern München ein Riesenthema. Der Bayern-Trainer Hansi Flick wird aus München zugeschaltet und sagt über die Stärke der eigenen Spieler und das Elend der Nationalmannschaft den bedeutenden Satz: »Teamspirit zu kriegen war in diesem Corona-Jahr nicht einfach.«

Natürlich ist es ein schöner und gedankenanregender Brauch, gegen Ende eines Jahres Rückschau zu halten. Schon in antiker Zeit schmückten Jahrbuch-Schreiber, die man »Annalisten« nannte, die historischen Ereignisse eines Jahreslaufs mit allerlei subjektiven Betrachtungen und mythologischen Späßen aus. Zu den frühen Meistern im Annalen-Basteln gehörten die Römer Quintus Fabius Pictor und Sallust. Von Letzterem ist die Showmaster-Regel überliefert: »Es bedarf nur eines guten Anfangs, dann erledigt sich das Übrige von selbst.«

Günther Jauch begrüßt also früh in seiner Sendung den jungen, hochbegabten Rennfahrer Mick Schumacher – und verbockt, weil sie ihm offensichtlich erzpeinlich ist, die Frage nach der Gesundheit der Familie, also auch des Vaters Michael. Was fällt dem Knaben als Entgegnung auf diese Haspelei ein? »Ich habe leider ihre Frage nicht verstanden.« Das war die spontanste und authentischste Antwort des Nachwuchs-Schumi.

Deutschlands immer ein wenig traumäugig dreinblickender Gesundheitsminister Jens Spahn wird in der Sendung gefragt, warum seine Beliebtheitswerte derzeit wohl so toll seien. Eine Tanzgruppe von Ärztinnen und Ärzten tanzt zu »Jerusalema«, einem Hit des Jahres. Man begreift das Anliegen, von wichtigen Ereignissen der von Corona verdüsterten Monate auf anrührende Weise zu erzählen.

Aber anders als in der ZDF-Jahresrückblicksendung von Markus Lanz, die schon zehn Tage zuvor lief, hat es die RTL-Redaktion nicht geschafft oder nicht für nötig gehalten, Angehörige der Opfer des rechtsradikalen Anschlags in Hanau ins Studio zu holen, bei dem im Februar zehn Menschen getötet wurden. Der Terror von Hanau kommt bei Jauch nur in einem Sekundenclip vor. Dafür singt Helene Fischer gleich zweimal, beim zweiten Mal jauchzt sie im Verein mit dem irischen Sänger Rea Garvey den Evergreen »Hallelujah«. Dazu wabert ganz viel aerosolsatter Shownebel durchs Studio.

Es wird noch schlimmer. Als Star zum Schluss darf kein anderer als Howard Carpendale mit einem Lied namens »Fremde oder Freunde« antreten. In ihrer Entschlossenheit, das Jahr 2020 partout als Allerweltsjahr wie schon viele Dutzend andere zu inszenieren, kennen sie bei RTL keine Gnade.

Icon: Der Spiegel



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