Corona-Weihnachten: Warum der Verzicht auf soziale Kontakte keine Gegenleistung braucht

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Weihnachten könnte ganz schön einsam werden. Keine Reisen zu den lieben Angehörigen, kein Familienfest mit Eltern, Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins, und erst recht keine Feier mit der Wahlfamilie, also den Freundinnen und Freunden. Keine Weihnachtsfeier mit der Abteilung, nicht mal ein gemeinsamer Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, und natürlich auch keine Reise weg vom Weihnachtsrummel nach Asien oder in die USA.

Verzichten, verzichten, verzichten, um die Corona-Infektionen zu senken, das fordert die Politik von uns. Auch dann, wenn man persönlich eine gute Chance auf einen symptomlosen Covid-19-Verlauf hätte. Und auch, wenn die Chance hoch wäre, dass die Nicht-Einhaltung der Kontaktbeschränkungen folgenlos und unentdeckt bliebe. Es ist also vor allem eine moralische Verpflichtung, Verzicht zu üben.

Aber was bedeutet diese Verpflichtung für den Einzelnen, und was bedeutet sie in psychokultureller Hinsicht?

Traditionell kennen wir vor allem religiös begründete Verzichtsethiken. Die Religion lehrt uns, auf das Ausleben unserer aggressiven, sexuellen und egoistischen Triebe, Wünsche und Bedürfnisse zu verzichten. In der säkularisierten Gesellschaft haben philosophisch und wissenschaftlich begründete Verzichtsethiken an Bedeutung gewonnen. Die Umweltbewegung hat Konsumverzicht, Verzicht auf grenzenloses Wachstum, auf ungebremsten Verbrauch fossiler Brennstoffe auf ihre Fahnen geschrieben. Die Psychoanalyse hält Triebverzicht für eine konstitutive Voraussetzung der Zivilisierung des gesellschaftlichen Miteinanders.

Insbesondere die Gewöhnung an den Verzicht auf die unmittelbare Befriedigung von aggressiven, sexuellen und narzisstischen Bedürfnissen gehört zu den zentralen entwicklungspsychologischen Aufgaben, die jeder Mensch von Kindesbeinen an durchlaufen muss. Diese Bedürfnisse sollen jedoch nicht gänzlich aus unserem psychischen Erleben verdrängt und unserem gesellschaftlichen Umgang ausgeschlossen werden, sondern aufgeschoben, seelisch bearbeitet und in sozial und moralisch vertretbarer Form ausgelebt werden. Verzicht in diesem Sinne bedeutet also nicht Unterdrückung dieser Bedürfnisse, sondern Aufschub, Aushalten der inneren Spannung, die aus dem Zustand der Nicht-Befriedigung erwächst, Modifikation und Sublimierung der Bedürfnisse in sozial verträgliche Formen ihrer Befriedigung.

Warum eine faire Verteilung der Belastungen nicht möglich ist

Was bedeutet das nun für den Kontaktverzicht, den allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel von uns verlangt? In einer Gesellschaft, in der die Ellenbogenmentalität belohnt wird, erscheint ein Verzicht zum Wohle des Anderen, gar des anonymen Anderen, schwer vermittelbar. Der Homo Oeconomicus ist kaum zu einem Verzicht zu motivieren, der zu seinem eigenen Nachteil – in diesem Fall der Einschränkung seiner Bewegungsfreiheit – gereicht. Dies erklärt, nebenbei gesagt, einen Teil der Motivation der »Querdenker«-Bewegung.

Folgt man der sozialpsychologischen Equity-Theorie (der Theorie der sozialen Gerechtigkeit und Fairness), so könnte eine gewisse Bereitschaft zum Verzicht allerdings dann entstehen, wenn alle Bürgerinnen und Bürger gleichermaßen zum Verzicht auf soziale Begegnungen angehalten werden. Dann könnte grundsätzlich das Gefühl entstehen, es gäbe so etwas wie eine faire und gerechte Verteilung der Belastungen.

Allerdings wird soziale Gerechtigkeit und Fairness von verschiedenen Menschen in verschiedenen Situationen unterschiedlich interpretiert. Dass die Restaurants, Cafés und Fitnessstudios, Kinos oder Theater schließen mussten, finden deren Betreiber und viele der Gäste und Besucherinnen unfair, insbesondere, da ja aufwendige Hygienekonzepte entwickelt wurden. Aber auch wer sich in einer Situation relativer sozialer Isolation befindet, beispielsweise als Heimbewohner, wird die zusätzlichen sozialen Einschränkungen als besonders belastend empfinden. Ähnlich intensiv leidet jemand, der als Single lebt und deshalb auf außerhäusliche Begegnungen besonders angewiesen ist. Jugendliche und junge Erwachsene wiederum benötigen für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit den emotionalen Austausch mit Gleichaltrigen. Für ältere Ehepaare hingegen kann sich der Kontaktverzicht eventuell kaum bemerkbar machen, weil sie ohnehin meist zu Hause sind.

Der von uns abverlangte Verzicht auf soziale Kontakte trifft uns sowohl subjektiv als auch nach objektiven Kriterien also höchst unterschiedlich. Damit dies nicht als ungerecht empfunden wird, muss es einen Ausgleich geben. Finanzielle Entschädigung, aber auch soziale Anerkennung sind Mittel, um ungleiche Belastungen auszugleichen und damit dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit und Fairness genüge zu tun. In der Corona-Krise sind die Pflegekräfte ganz besonderen Belastungen ausgesetzt, und ihr Einsatz ist von höchster Bedeutung. Spontanen Applaus und soziale Anerkennung haben sie schon im vergangenen März erhalten, allerdings hat diese Form der Entschädigung deutlich an Wirkung verloren. Es ist daher konsequent und erfreulich, dass die aktuellen Tarifabschlüsse nun auch zu einer finanziellen Anerkennung der Pflegeleistung geführt haben. 

Auch wenn es Corona-Hilfen in Milliardenhöhe gibt: Gesamtgesellschaftlich wird es nicht möglich sein, allen gesellschaftlichen Gruppierungen in ähnlicher und vor allem gleicher Weise Anerkennung für ihren Verzicht zukommen zu lassen.

Das Opfer der Selbstisolierung als freiwillige Gabe an die Gemeinschaft

Eine ganz neue Perspektive eröffnet sich jedoch, wenn man Verzicht als Gabe betrachtet, die freiwillig und ohne das Verlangen nach einer Gegenleistung, einer »Gegengabe«, geschenkt wird. Der Baseler Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff hat unter Bezugnahme auf den französischen Philosophen Jaques Derrida die Gabe als eine Handlung charakterisiert, bei der die Pflicht, ein Geschenk durch eine Gegenleistung zu erwidern, durchbrochen wird. »Die Gabe ist das Gegenbild zum Tausch. In der Gabe wird das Prinzip, dass Schulden beglichen werden müssen, verlassen.« Eine Gabe »eröffnet etwas Neues, das eben gerade nicht im Erwartungshorizont des Beschenkten gelegen hat. Sie eröffnet neue Felder der Wahrnehmung, des Denkens, des Empfindens, die den Gebenden und den Nehmenden zugleich verändern.«

Der Verzicht auf soziale Kontakte stellt in der Pandemie eine solche »echte Gabe« dar. Man könnte auch von einem freiwilligen Opfer sprechen. Das Opfer der eigenen Bewegungsfreiheit, der Selbstisolierung stellt eine solche freiwillige Gabe an die Gemeinschaft dar. Die Ursprungsszene für dieses Beziehungsmuster der opfernden Hingabe ist die frühe Eltern-Kind-Beziehung. Die extreme Hilflosigkeit des Neugeborenen erfordert die aufopferungsvolle Hingabe der Mutter, beziehungsweise der Eltern, damit das Neugeborene überhaupt eine Überlebenschance hat. Diese Form des Opfers als Gabe oder Hingabe ermöglicht die Entwicklung menschlicher Beziehungen und Subjektivität.

Die Gabe der elterlichen Fürsorge erfolgt ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Diese Urszene menschlicher Beziehungen liegt allen menschlichen Beziehungen zugrunde, die über rein zweckrationale Tauschbeziehungen hinausgehen. Die selbstlose und selbstbestimmte Opferbereitschaft ist die Basis des menschlichen Zusammenlebens. Auch in allen helfenden Berufen findet sich diese freiwillige Hilfs- und Opferbereitschaft als ein entscheidendes Element, bei dem eigene Ressourcen und die eigene Persönlichkeit anderen zur Verfügung gestellt und zugleich ein Verzicht auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse geleistet wird.

Der freiwillige Verzicht auf soziale Kontakte stellt nicht nur ein wirksames Instrument der Pandemiebekämpfung dar, sondern eröffnet auch eine verschüttete Dimension in der Beziehung des Einzelnen zur Summe der anderen, also zur Gesellschaft: dass sich jede und jeder Einzelne als verantwortlich für alle anderen fühlt – ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Wobei sich das am Ende, wenn der Kontaktverzicht die Infektionszahlen sinken lässt, auch für den Einzelnen auszahlt.

Icon: Der Spiegel



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