Haiyti: Unser Album der Woche

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»Ich glaube ich nehm die nächste U-Bahn / Und fahr zum Bahnhof Zoo/ Dann nehm ich mir nen Strick / Und häng mich auf im Damenklo.« Das sang der aus Köln zugezogene Tobias Bamborschke vor ein paar Jahren über Berlin und nannte seine Band wie diesen herzzerbrechenden, tristen Song: Isolation Berlin. Man weiß natürlich nicht, ob Ronja Zschoche dieses Lied jemals gehört hat, aber es dürfte auch ihren Gemütszustand im Jahr 2020 auf den Punkt bringen.

Die Rapperin, bekannt unter dem Namen Haiyti, zog vor Kurzem aus Hamburg in die Hauptstadt, eher aus Zufall, wie sie sagt, und fiel in eine tiefe Depression. Berlin kann diese Wirkung haben, vor allem, wenn man aus einem Dorf wie Hamburg oder Köln kommt, wo alles nah beieinander ist, die Wege kurz, die Kneipen voller Freunde. Berlin aber, oft belächelt, ist eine Großstadt und brutal. Hier ist es eisig, wenn es kalt ist, hier kann man lange anonym sein und noch länger allein, auch wenn man längst keinen Bock mehr darauf hat, den Desperado zu spielen.

Haiyti ist genau das: eine Desperada unter Deutschlands Rapstars. Vor zwei Jahren veröffentlichte sie ihr Debütalbum »Montenegro Zero« bei einer großen Plattenfirma und wurde vom Feuilleton bejubelt. Doch das ist keine Währung, die in der Szene zählt: Der Respekt unter Kollegen blieb ebenso aus wie der Erfolg in den Charts, also auch der Reichtum. In Berlin noch nicht wirklich angekommen, brachte sie im Sommer ihr drittes, sehr gutes Album »Sui Sui« raus, gefüllt mit zerbrechlichen, zittrigen Selbstmordgedanken. Mit »Influencer« folgt nun nur wenige Monate später das nächste Album, gefestigter, aggressiver, abgehärteter. 19 neue Tracks – ein Kreativschub. Auch das kann eine Wirkung von Berlin sein, eine kathartische.

Aber der Weg dahin ist weit und hart. Und davon erzählt »Influencer« auf grandiose Weise, aber ohne die oft dummdreist zur Schau gestellte Gangsta-Attitüde männlicher Straßenrapper. Haiyti kann auch Gangsterin sein, sie spielt damit, ihr Genre ist aber von jeher der aus den USA importierte Trap-Rap, ein vor sich hinstolpernder Sprechsingsang über trägen Beats und schrägem Geklimper, gefüllt mit Depri-Delirien. Zschoche ist die – leider immer noch ungekrönte – Prinzessin Borderline der deutschen Trap-Rap-Variante.

In ihren neuen Songs verarbeitet sie noch einmal packend ihre dunkelsten Stunden: »Ich habe alles, was ich liebe, verflucht / Mann, ich wollt es fast tun / Und ich weiß, es war nicht cool«, singt sie fast lieblich in »Comeback«, sie wollte zu viel, wäre fast verreckt. Doch dann verfällt sie gleich wieder in ihr galliges, gellendes Rap-Stakkato: »Scheiß mal auf die ganzen Fake News, ich bin Deutschraps Zukunft/ Dass ich nie wieder zurückkomm, war ein Trugschluss«.

Hater, Sprücheklopfer und Ignoranten kriegen in schnippischen Tracks wie »Tak Tak« oder »100.000 Feinde« eine Breitseite, letzterer ein sarkastischer Seitenhieb auf ihren damals noch optimistischen Song »100.000 Fans«. Auf der vorläufigen Höhe ihrer Sprachkunst ist Haiyti im Disstrack »Burr« (lies: Böh!), der wie eine nonchalante Uzi-Salve über Illuminaten, Kanye West und Designermarkenopfer hinwegmäht: »Ich schieß dir ins Gesicht, du bist ein Penner«, ist die vielleicht heftigste Zeile, die ihr bisher rausgerattert ist. Willkommen in Berlin. (9.0)

Kurz abgehört:

Brandão Faber Hunger – »Ich liebe dich«

Weihnachten ist das Fest der Liebe, also dürfen die wichtigsten drei Worte nicht fehlen. Und wenn man sie auf Schweizerdeutsch singt, klingen sie gleich viel weniger kitschig. Naja, nicht wirklich. Im Lockdown fanden sich Sophie Hunger, Faber und Dino Brandão zusammen, um sich auf einem tollen, hochdramatischen Album ihrem Faible für selbstironische Schwermut hinzugeben. Hardcore-Romantik (ab 11. Dezember). (8.0)

Calexico – »Seasonal Shift«

Wenn man sich erst mal in die Weihnachtsstimmung reingesteigert hat: Eigentlich wollte die bekannte Neo-Texmex-Band Calexico um Joey Burns nur einen festlichen Song für Fans aufnehmen, dann wurde ein Album draus. Die Coverversionen von Lennon und Petty sind Geschmackssache, aber allein der Mariachi-Swing von »Mi Burrito Sabanero« mit Sängerin Gaby Moreno ist hinreißend: »Tuqui-tuqui-tuquitu!« (7.0)

Fee. – »Nachtluft«

Manchmal reicht eine Stimme, die man nicht wieder vergisst, dann kann auch die Gitarre aus Pappe sein (wie im Video zu »Dein Haus ist umstellt«): Die Frankfurter Selfmade-Musikerin Fee. bekam für ihre lakonisch besungenen Gemütszustände letztes Jahr Udo Lindenbergs »Panikpreis« für unangepasste Musik verliehen. Auch ihr zweites Album ist, bis auf eine gerappte »Utopie«, ganz bezaubernd. (6.5)

The Avalanches – »We Will Always Love You«

Vergessen wir mal kurz »Last Christmas«: Auf dem dritten, mit 22 Tracks vollgepackten Album der samplewütigen Australier The Avalanches finden sich so viele alternative Hits zum seligen Schunkeln, dass es eine reine Freude ist, pure bliss. Schon die Gästeliste ist umwerfend: Blood Orange, Karen O, Johnny Marr, Neneh Cherry, Perry Farrell, Tricky et cetera. Spiritueller Yacht-Pop (ab 11. Dezember). (7.8)





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