Coronavirus: China meldete deutlich weniger Fälle als offiziell erfasst

0
79



Bereits kurz nach Ausbruch des Coronavirus in der Millionenmetropole Wuhan gab es Zweifel an der Statistik Chinas zur Ausbreitung des Erregers. Nun berichtet der Sender CNN über vertrauliche Dokumente, die ihm nach eigenen Angaben vorliegen und die nahelegen: Die Behörden in China haben zwar eine Vielzahl an Daten erhoben, aber nur ein Teil davon fand seinen Weg in die Öffentlichkeit.

Zudem seien in einem Diagramm für das Jahr 2019 rund 200 »bestätigte« und »klinisch diagnostizierte« Fälle angegeben. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldeten chinesische Behörden bis zum 3. Januar 2020 jedoch nur 44 Fälle einer »Lungenerkrankung unbekannter Herkunft«. Das könnte dazu geführt haben, dass der Ausbruch zunächst unterschätzt wurde.

CNN hat nach eigenen Angaben 117 Seiten vertrauliche Unterlagen aus der Gesundheitsbehörde der Provinz Hubei, in der auch Wuhan liegt, von Experten auf ihre Echtheit prüfen lassen. Die Papiere umfassen Informationen aus dem Zeitraum von Oktober 2019 bis April 2020.

Problematische Falldefinition

Darin wird auch deutlich, wie sehr sich die ungewöhnliche Falldefinition Chinas in den ersten Monaten des Jahres 2020 auf die offizielle Statistik ausgewirkt hat. Der allergrößte Teil der weltweit registrierten Infizierten und Erkrankten entfiel damals noch auf China.

So meldeten offizielle Stellen in Hubei beispielsweise am 10. Februar 3911 neu bestätigte Fälle. 2094 davon gelten als »bestätigt«. Dabei handelt es sich wohl um Personen, die sowohl Symptome der neuen Lungenkrankheit aufwiesen, als auch positiv getestet wurden. Dazu kommen 1814 »Verdachtsfälle«.

In den internen Dokumenten sind laut CNN dagegen insgesamt 5918 Fälle für den Tag vermerkt, mehr als 50 Prozent mehr als offiziell angegeben. Darunter sind 2345 »bestätigte Fälle« und 1796 »Verdachtsfälle«. Weitere 1772 Personen sind an dem Tag zudem »klinisch diagnostiziert« worden, etwa mithilfe von CT-Scans, wurden in den offiziellen Angaben aber offenbar nicht als Fälle berücksichtigt.

Die Zahlen, die China offiziell herausgegeben habe, seien konservativ berechnet gewesen, sagte Yanzhong Huang vom Thinktank Council on Foreign Relations dem Sender. »Das spiegelt wider, wie verwirrend, komplex und chaotisch die Situation war.«

Internationale Kritik

Die Falldefinition Chinas wurde zu Beginn des Jahres auch international kritisiert. Zunächst zählte nur als Fall, wer positiv getestet wurde und zugleich Symptome hatte. Ab 12. Februar galten dann kurzzeitig alle Menschen mit klinischen Symptomen als Fälle, woraufhin die Zahlen massiv nach oben schossen. Also gingen die Behörden wieder zur ersten Variante über.

So wurden auch am 7. März nur 83 neue Fälle öffentlich gemeldet. Laut dem internen Dokument gab es aber 115. 32 Personen mit positivem Testergebnis flossen demnach nicht in die nach außen kommunizierte Statistik ein – wohl weil sie keine Symptome hatten.

Erst seit Anfang April zählt China alle Menschen, die positiv getestet wurden, als Fall (mehr dazu lesen Sie hier).

Auch in der Todesstatistik gibt es deutliche Abweichungen. Am 17. Februar berichteten die Behörden offiziell von 93 Todesfällen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 an dem Tag. In den internen Dokumenten sind laut CNN 196 genannt.

Probleme mit Tests, schlecht ausgestattete Behörde

Die Unterlagen zeigen dem Bericht zufolge auch, dass es zu Beginn massive Probleme mit den in China eingesetzten Tests gab. Das wiederholte Testen von Proben habe gezeigt, dass zuvor als negativ eingestufte Problem zu großen Teilen eigentlich positiv waren, heißt es in einer Unterlage vom Januar.

In den ersten Monaten des Ausbruchs hat es laut CNN zudem gut 23 Tage gedauert, bis Fälle nach Einsetzen von Symptomen in die offizielle Statistik eingeflossen sind. Demnach charakterisieren die internen Unterlagen die Gesundheitsbehörde als unterfinanziert und technisch schlecht ausgestattet. Die Mitarbeiter seien unmotiviert, da sie sich in Chinas riesiger Bürokratie oft ignoriert fühlten.

»Es war klar, dass China Fehler gemacht hat – und nicht nur Fehler, die beim Umgang mit einem neuartigen Virus auftreten, sondern auch bürokratische und politisch motivierte«, so Huang. Aber auch fehlende Technologie habe Probleme verursacht. »Selbst wenn China 100 Prozent transparent gewesen wären, hätte das die Pandemie wahrscheinlich nicht verhindert.«

WHO-Gruppe soll Ursprung des Virus untersuchen

Auch im späteren Verlauf der Pandemie gab es immer wieder Kritik an Chinas Umgang mit dem Virusausbruch. Im März veröffentlichte die WHO etwa einen Bericht, nach dem das Land Details zu den ersten Fällen Ende 2019 nur auf mehrfache Nachfrage hin geliefert hat.

Derzeit plant die Organisation zudem, Experten in das Land zu schicken, um nach Belegen für die These zu suchen, nach der das Virus auf einem Markt in Wuhan von einem Wildtier auf den Menschen übergesprungen ist. Bislang lässt die chinesische Führung aber keine ausländischen Fachleute ins Land.

Stattdessen verbreiten offizielle Stellen in China die Theorie, das Virus könne durch aus dem Ausland importiertes Gefriergut nach Wuhan gelangt sein (mehr dazu lesen Sie hier). Chinesische Behörden beteuern dennoch den stets transparenten Umgang mit der Pandemie.

Icon: Der Spiegel



Source link

LEAVE A REPLY

Please enter your comment!
Please enter your name here