Deutschland: Atomteststation misst Feuerkugel – DER SPIEGEL

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Für manche Bürger war es sicher eine beunruhigende Erscheinung, die sie am Wochenende sahen: Ein heller Strahl zog am Samstagabend am Himmel entlang, ein runder Feuerball bildete sich, der sekundenlang aufleuchtete. Ein Beobachter berichtete von einer grünlichen Farbe. Das Objekt sei dann hoch am Himmel in mehrere Teile zerfallen und war schließlich nicht mehr zu sehen.

Besonders im Südwesten von Deutschland zwischen Köln, Frankfurt und Stuttgart, wurde das Objekt am Himmel entdeckt. »Wir haben gut hundert Sichtungen aus diesem Raum«, sagt Dieter Heinlein vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Aber auch aus dem Norden erreichten das DLR Augenzeugenberichte über das Phänomen. Und man konnte das Ereignis sogar akustisch wahrnehmen.

Im niederbayerischen Freyung, im Grenzgebiet zwischen Deutschland, Tschechien und Österreich, lauscht die Infraschallstation »I26DE« beständig nach Druckwellen unterhalb des für Menschen hörbaren Frequenzbereiches. Sie gehört zu einem weltweiten Messnetz der Organisation des Vertrages über das umfassende Verbot von Nuklearversuche, mit dem verbotene Atomtests aufgespürt werden sollen.

Manche der Anlagen analysieren Erdbebenwellen, andere lauschen in den Weltmeeren, weitere fahnden nach radioaktiven Partikeln in der Atmosphäre. Und 60 Stationen lauschen wie die in Freyung nach sogenanntem Infraschall. Die Barometer nehmen noch Druckunterschiede von nur einem Milliardstel des normalen Atmosphärendrucks wahr. Verantwortlich für Erschütterungen der Luft können Explosionen sein, Düsenjets – oder Brocken aus dem All.

Verantwortlich für die Station ist die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Dort hat man sich auf Anfrage des SPIEGEL über die Daten von »I26DE« vom Samstag gebeugt. Und BGR-Experte Christoph Pilger bestätigt: »Unsere Station hat um 19:01 Uhr Lokalzeit eine deutliche Infraschall-Spitze aus Nordnordwest registriert.«

Der Feuerball war von Beobachtern gegen 18.40 Uhr am Himmel beobachtet worden. Dass die Station ihn erst rund 20 Minuten später registriert habe, liege an der Schallgeschwindigkeit, so Pilger. Es habe sich aber auf jeden Fall um »ein größeres Signal« gehandelt, das »deutlich herauszulesen« gewesen sei.

Was war das für eine Himmelserscheinung, die man nicht nur sehen, sondern sogar hören konnte?

Dieter Heinlein vom DLR geht derzeit von einem Asteroidenfragment aus, das in die Atmosphäre eingetreten ist. Er ist technischer Leiter des DLR-Feuerkugelnetzes, einem Verbund von 25 Kamerastationen in Deutschland, der Tschechischen Republik, Belgien, Luxemburg und Österreich, die solche Phänomene dokumentieren und untersuchen.

Vermutlich sind die Himmelsbeobachter Zeugen einer eher seltenen Erscheinung geworden. Während die meisten Menschen schon einmal einen Meteor, im Volksmund bekannt als Sternschnuppe, gesehen haben, kommen die helleren Feuerkugeln nicht so häufig vor. Im Jahresdurchschnitt verzeichnet das DLR-Feuerkugelnetz nur etwa 30 solcher Ereignisse.

Im Gegensatz zu einer normalen Sternschnuppe, die meist weniger als eine Sekunde leuchtet, erreicht eine Feuerkugel eine Leuchtdauer von bis zu fünf Sekunden, in seltenen Fällen sogar mehr. Manchmal ändert die Kugel am Ende ihrer Bahn die Farbe oder scheint zu zerplatzen. Bei Sternschnuppen ist es meist nur Material von der Größe eines Staubkörnchens, das durch den Luftwiderstand erhitzt wird, bei Feuerkugeln, auch Boliden genannt, sind es massive Körper, die mit Geschwindigkeiten von etlichen Kilometern pro Sekunde auf die Atmosphäre treffen. Sie bestehen entweder aus Stein oder Metall und sind mindestens einen Zentimeter groß (mehr zu den Unterscheidungen der Begriffe lesen Sie hier).

Tischtennisballgroße Steinchen aus dem All

Wenn Meteore am Himmel zu einer Feuerkugel werden, versetzt dieses Ereignis Experten in Aufregung. Denn während Sternschnuppen vollständig in der Atmosphäre verglühen, erreichen Reste des kosmischen Klumpens womöglich die Erdoberfläche. »Das ist kosmisches Material, das wir gratis geliefert bekommen«, sagt Heinlein. Manchmal bestehe die Chance, dass nicht alles Material aufgerieben wurde. Das sei erst im November passiert, als über Österreich ein Bolide gesichtet wurde. Noch seien aber wohl keine Brocken von diesem Ereignis gefunden worden.

Vielleicht liegen jetzt auch irgendwo in Deutschland ein paar schwarze Steinchen herum, die eine weite Reise durch das All hinter sich haben. Um sie zu finden, werten die DLR-Forscher nun alle Informationen aus, die sie ergattern können. Zuallererst die Kameraaufnahmen ihres eigenen Netzwerks, aber auch die Bilder und Beschreibungen von Laien. So ergeben sich möglicherweise Daten zum Verlauf der Bahn der Feuerkugel, durch die sich mögliche Fundstellen eingrenzen lassen.

Die Überbleibsel solcher Boliden sind ein einzigartiges Zeugnis aus der frühen Phase unseres Sonnensystems vor mehr als vier Milliarden Jahren, als sich um unseren Zentralstern die Planeten bildeten. Aber nicht die gesamte Materie in der Scheibe aus Gas und Staub um den Jungstern schaffte es zu schönen, runden Planeten. Die Anziehungskraft des Riesenplaneten Jupiter hat verhindert, dass sie sich zusammenballten und so wurden aus ihnen unförmige Klumpen von maximal einigen Hundert Kilometern Größe. Sie schwirren zwischen Mars und Jupiter zu Hunderttausenden herum, im Asteroidengürtel. Manchmal krachen sie aufeinander und zersplittern. Und manchmal geraten durch die Wucht des Aufpralls Gebilde aus Stein und Metall auf Kurs Richtung Erde.

Unterstützung durch »unbezahlte Astronomen«

Gerade die frischen Überbleibsel dieser Reise sind es, die Forscher wie Heinlein interessieren. Denn im Gegensatz zu Meteoriten, die irgendwann auf der Erde gefunden wurden, können Wissenschaftler bei aktuellen Ereignissen die Reiseroute zurück bis zu seinem Startpunkt im Asteroidengürtel rekonstruieren.

Es passiert aber äußerst selten, dass Forscher in Deutschland Reste der außerirdischen Brocken finden. Im April Jahr 2002 gelang das, als bei Neuschwanstein ein Brocken in 22 Kilometern Höhe in mehrere Fragmente zerbarst, wovon etwa sechs Kilogramm Material auf der Erde eingesammelt werden konnte. Und auch bei Renchen in Baden-Württemberg fanden Astrofans ein paar Brocken von einem Ereignis aus dem Jahr 2018, ein Glücksfall für die Wissenschaft.

Heinlein würdigt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Arbeit von Laien, auf die die Wissenschaft angewiesen sei. Längst nicht jeder Atmosphäreneintritt werde von einer Kamera dokumentiert. Deshalb sei es wichtig, wenn Amateurforscher ihre Daten zur Verfügung stellten. Den Begriff mag er allerdings nicht, denn oft arbeiteten Weltraumbegeisterte sehr professionell. »Eigentlich sind das unbezahlte Astronomen«, sagt er.

Icon: Der Spiegel



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